Of the declarations and manifestos listed here, the Manifest der Internet-Generation by Roger Strathausen (possibly in the summer of 2000) is probably the closest to an 'American' type cyber-manifesto. Interestingly enough, it is available online at both a website for European 'Liberals' (having little to do with the American use of the term) in May 2001 at eigentümlich frei, and in April 2002 at km 21.0 (as is Karl Marx). The latter site excludes the last two sentences. Also, the first sentence is slightly different in each version so I give both. I take the title from the eigentümlich frei; the km 21.0 has a teaser line "jeder ist ein unternehmer" [sic] and the the title: "Die Philosophie der Internet-Generation - ein Manifest von Roger Strathausen." Certainly, each has its own reasons for including it. Rather than choose one site for you, I reproduce it here as well as provide the links to the other sites. This is, after all, a manifesto, so it is supposed to be disseminated.
von Roger Strathausen
Es gibt eine Neue Philosophie in Deutschland – die Philosophie des Internets. [km 21.0]
Die Wissensgesellschaft gebiert eine neue Philosophie – die Philosophie des Internets. [eigentümlich frei]
Das Internet prägt das Denken unserer Generation. Es ist dezentral, chaotisch und von keiner Stelle im System beherrschbar. Es gehört allen und keinem. Jeder kann teilnehmen, dabei ist, wer mitmacht. Was zählt, sind Wissen und Produktivität. Das Internet macht Wissen frei verfügbar, es ermöglicht jedem die Akkumulation von intellektuellem Kapital und stellt die virtuellen Räume der Produktion. Das Internet macht jeden zum Unternehmer.
Joseph Beuys ist der Vater der Internet-Generation. Von ihm stammt der Spruch,
dass jeder Mensch ein Künstler sei. Wir nehmen Beuys beim Wort und machen
unsere eigene Kunst: die Revolution der Wirtschaft, die Schaffung der New Economy.
Unsere Kunstwerke hängen nicht an den Wänden, sie stehen nicht in
Museen und finden nicht auf Bühnen statt. Unsere Kunstwerke sind die Geschäfte
des Alltags. Die Vereinigung von Kunst und Leben geschieht im Individuum. Das
Ganze ist weder das Wahre noch das Falsche. Das Ganze ist immer nur das Eigene.
Wir privatisieren das Marxsche Diktum vom Primat der Praxis, wir wenden es vom
Sozialen ins Individuelle. Wir sind freie Produzenten unserer selbst. Nicht
die Veränderung der Gesellschaft als Ganzes ist unser Ziel, sondern die
Veränderung unserer eigenen unmittelbaren Umgebung, das Nutzen der eigenen
Möglichkeiten, die aktive Gestaltung des eigenen Lebens. Wir blicken nach
vorne, nicht zurück. Wir kritisieren nicht das Bestehende, wir schaffen
Neues. Wir sind positiv, nicht negativ. Wir beenden die jahrhundertalte Vorherrschaft
des negativen Denkens in Deutschland, das sich von Kant über Hegel und
Schopenhauer bis zu Adorno und der Kritischen Theorie zieht. Wir stehen in der
Tradition Nietzsches, wir fühlen den Rausch der Romantiker und die Goethesche
Lust am Schaffen. Wir spüren in uns den Geist der neuen Zeit.
Das Problem der Moderne ist überholt. Die Differenzierung sozialer Wertsphären
und der Verlust einer umfassenden Moral spielen nur dann eine Rolle, wenn das
Ganze im Blick ist und nicht das jeweils Eigene. Anders gesagt: Das Problem
der Moderne ist ein philosophisches Problem, aber die Neue Philosophie ist im
modernen Sinne keine Philosophie mehr. Sie ist Leben, authentisches Tun, aber
sie nicht notwendig reflexiv, sie existiert nicht als Ganzes.
Es geht nicht um „den Menschen„, es geht nicht um „die Gesellschaft„
oder um andere Abstrakta der Philosophiegeschichte. Die Frage ist nicht: Was
ist Wahrheit? Oder: Was ist Gerechtigkeit? Die Frage ist: Bist Du ehrlich? Und
verhältst Du Dich richtig? Es geht um die einzelne, es geht um uns, um
Dich und mich. Und es geht darum, dass jede Person an ihrem Handeln erkannt
wird, an dem was sie tut und wie sie sich verhält. Es gibt kein richtiges
und kein falsches Bewusstsein, es spielt keine Rolle, woher Du kommst und was
Du denkst, es ist egal, ob Du Mann oder Frau bist, schwarz oder weiß,
reich oder arm. Für uns zählt der Weg, den ein Mensch zurücklegt,
nicht der Ort, von dem aus sie startet.
Wir vereinigen Authentizität und Sachlichkeit zu praktischer Professionalität.
In der New Economy ist der Beruf zur Berufung geworden. Die Trennung von Arbeit
und Freizeit ist überwunden, beides ist in Projekten organisiert. Projekte
sind wie Menschen: individuell verschieden, zeitlich begrenzt und zielorientiert.
Projektarbeit ist Teamarbeit, der einzelne ist nur im Team erfolgreich. Erfolg
macht Spaß, ohne Spaß gibt es keinen Erfolg.
In dem uralten Konflikt zwischen den Idealen der Freiheit und der Gleichheit
wählen wir die Freiheit. Wir nehmen Ungleichheit in Kauf, wenn sie der
Preis der Freiheit ist. Toleranz und Menschlichkeit entstehen nicht durch Gleichmacherei.
Für uns zeigt sich menschliche Reife in der Fähigkeit, zu differenzieren
und in allem das Besondere und Einmalige zu sehen. Nur das Einmalige kann gleichwertig
sein; was nur gleich ist, hat keinen Wert. Einmaligkeit aber braucht Freiheit,
um zu wachsen. Individuelle Freiheit ist das höchste Gut, für sie
lohnt es sich zu kämpfen.
Leben und leben lassen – das ist der Leitspruch der Internet-Generation.
Wer den abstrakten Anspruch auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Moral aufgibt und
stattdessen selber ehrlich und aufrichtig ist; wer aufhört, an anderen
herumzunörgeln und es stattdessen selber besser machen will; wer darauf
verzichtet, recht zu haben und stattdessen versucht, selbstgesetzte Ziele zu
erreichen: der lebt und freut sich am Leben anderer. Kritik und Negativität
wurzeln in Neid und persönlicher Unzufriedenheit. Wer sich mag, mag auch
andere, wer sich gut findet, findet auch andere gut, und wer sich selbst seine
Schwächen verzeiht, verzeiht auch anderen ihre Schwächen.
Toleranz und Offenheit sind zentrale Merkmale der Internet-Generation. Für
uns ist Liberalität keine Frage von Politik oder Moral, sondern eine konkrete
Art zu leben. Wir achten die anderen nicht trotz, sondern wegen ihrer Andersartigkeit.
Wir haben Respekt vor individuellen Entscheidungen, wir fördern und fordern
Differenz. Ideologie und Dogmatismus lehnen wir ab. Wer sich und seinem Lebensgefühl
Ausdruck verleiht, wer kreativ ist und die Dinge um sich herum verändert,
den erkennen wir an.
Normativer Bezugspunkt der Internet-Generation ist die persönliche Wirklichkeit.
Nicht „die„ Wirklichkeit, sondern die jeweils eigene Wirklichkeit,
die von jeder einzelnen geschaffene Welt. Wir leben alle in verschiedenen Welten.
Wer verzweifelt ist, lebt in einer verzweifelten Welt, wer glücklich ist,
lebt in einer glücklichen Welt. Es macht keinen Sinn, nach Objektivität
und Wahrheit zu fragen. Philosophische Probleme dieser Art sind irrelevant.
Traditionelle Philosophie ist irrelevant.
Moral ist für uns nichts abstrakt-theoretisches, sondern Teil eines gelebten
Leben, Ausdruck einer Persönlichkeit. Es gibt keine Moral jenseits der
Person. Was richtig oder falsch ist, muss jede einzelne für sich selbst
entscheiden. Es ist anmaßend, die TV-Show „Big Brother„ als
„menschenverachtend„ zu bezeichnen und ein Verbot zu fordern, obwohl
sich alle Show-Teilnehmer freiwillig gemeldet haben und auch keiner der Fernsehzuschauer
gezwungen wird, sich die Sendung anzusehen. Dieser Anmaßung liegt ein
einfacher Syllogismus zugrunde:
(a) Alle sollen so sein wie ich.
(b) Ich würde nie an einer solchen Show teilnehmen.
(c) Ergo soll auch keine andere an dieser Show teilnehmen.
Intellektuelle Anmaßung hat Tradition in Deutschland. Die Studentenbewegung,
die Frankfurter Schule, die Sozial-Bewegten, die Gerechtigkeits-Forderer und
Menschenrechts-Verkünder – sie alle haben sich angemaßt, für
andere zu sprechen. Die Internet-Generation braucht keine Fürsprecher.
Bei uns spricht jeder für sich. Und wer schweigen will, darf schweigen
– wir schicken keine in Therapie, weil sie anders ist.
Wir fordern auf zur Kritik. Kritisiert zu werden ist uns wichtiger als selber
zu kritisieren. Von der Kritik anderer können wir lernen, von unserer Kritik
lernen allenfalls die anderen. Es ist irrelevant, ob die Kritiker es besser
machen als wir - es geht nur darum, dass wir selbst es besser machen. Dazu brauchen
wir nicht auf andere zu blicken, nur auf uns selbst.
Wir glauben an uns, wir trauen uns zu träumen. Ob der Traum Wirklichkeit
wird oder nicht, ist irrelevant, solange wir an seiner Verwirklichung arbeiten.
Wichtig ist das subjektive Moment der Geschichte, nicht das objektive. Für
uns ist die Gegenwart bedeutender als Vergangenheit und Zukunft. Der Moment
gehört dem einzelnen, Widersprüche lösen sich auf im performativen
Akt. Leben ist Performance. [here the km 21.0 version stops, the ef continues:]
Über Erfolg und Misserfolg entscheidet der Markt. Auch ein Autor ist nur
ein Unternehmer in eigener Sache.