Mein Lehrerehepaar ‑ diese
Kopfgeburt! ‑ kommt aus
Itzehoe, einer Kreisstadt in Holstein, zwischen Marsch und Geest gelegen, mit
rückläufiger Einwohnerzahl und wachsenden Sanierungsschäden. Er ist Mitte, sie
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Anfang Dreißig.
Geboren wurde er in Hademarschen, wo immer noch seine Mutter lebt, sie in der
Kremper Marsch, wo ihre Eltern, nach Verkauf des Hofes, ihren Altentell in
Krempe bezogen haben. Beide sind anhaltend sich selbst reflektierende Veteranen
des Studentenprotestes. In Kiel haben sie sich kennengelernt: bei einem Sit‑in
gegen den Vietnamkrieg oder gegen den Springer‑Konzern
oder gegen beides. Ich sage vorläufig Kiel. Es hätte auch Hamburg, womöglich
Berlin sein können. Vor zehn Jahren wollten sie mit vielen Wörtern
»kaputtmachen, was uns kaputtmacht«. Gewalt erlaubten sie sich allenfalls gegen
Sachen. Ihre Kulturrevolution ging schneller zu Ende. Deshalb haben sie ihr
pädagogisches Studium mit kaum nennenswerter Verzögerung abschließen und nach
nur kurzem Hinundher ‑ Partnerwechsel in Wohngemeinschaften ‑
heiraten können: zwar ohne Kirche, doch mit Familie.
Das war vor sieben Jahren. Seit fünf und vier Jahren sind beide
beamtet im Staatsdienst. Zwei Referendare, dann Assessoren, jetzt Studienräte.
Zwei, die sich ziemlich gleichmäßig liebhaben. Ein Paar zum Vorzeigen. Ein Paar
zum Verwechseln schön. Ein Paar aus dem gegenwärtigen Bilderbuch. Sie halten
sich eine Katze und haben noch immer kein Kind.
Nicht, weil es nicht geht oder
klappt, sondern weil er, wenn
sie »nun endlich doch« ein Kind will, »noch nicht« sagt, sie hingegen wenn er
sich ein Kind wünscht ‑ »Ich kann mir das vorstellen; theoretisch« -, wie
aufs Stichwort dagegenhält: »Ich nicht. Oder nicht mehr. Man muß das
versachlichen, wenn man verant
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wortlich handeln will. In was für eine Zukunft
willst du das Kind laufen lassen? Da ist doch keine Perspektive drin. Außerdem
gibt es genug davon, zu viele Kinder. In Indien, Mexiko, Ägypten, in China.
Guck dir mal die Statistiken an.«
Beide unterrichten Fremdsprachen ‑ er Englisch, sie Französisch ‑
in der Kaiser‑Karl‑Schule, kurz KKS genannt, und im Nebenfach
Geografie. Die Kaiser‑KarlSchule heißt so, weil Karl der Große im neunten
Jahrhundert eine Strafexpedition nach Holstein geschickt hat, die sich etwa da
einmauerte, wo heute Itzehoe auseinandergeht. Und weil die beiden besonders
gerne Geografie unterrichten, wissen sie auch über Bevölkerungswachstum
Bescheid, nicht nur über Flüsse, Gebirge, Bodenbeschaffenheit und Erzvorkommen.
Er spricht mit Marx vom kapitalistischen Gesetz der Akkumulation durch
Überzähligmachung, sie pocht auf Daten, Kurven, Hochrechnungen: »Hier, der
Zuwachs in Südamerika. Überall drei Prozent. In Mexiko sogar fünf. Die fressen
das bißchen Fortschritt auf. Und der Papst, dieser Blödmann, verbietet noch
immer die Pille.«
Sie nimmt sie regelmäßig. Übrigens immer zu Beginn der ersten
Unterrichtsstunde. Eine Schrulle oder schrullige Demonstration ihres
rationalisierten Verzichtes. Und so könnten die »Kopfgeburten« als
Film anfangen: Totale der Landkarte des indischen
Subkontinents. Sie, in Brusthöhe angeschnitten, verdeckt halb den Golf von
Bengalen, ganz Kalkutta und Bangladesh, nimmt wie beiläufig die Pille, klappt
ein Buch zu (trägt keine Brille) und sagt: »Wir können davon aus
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gehen, daß im Bundesstaat Indien die
Geburtenkontrolle, im Sinne der angestrebten Familienplanung, gescheitert ist.«
Jetzt könnte sie
die Bevölkerungszahlen und Überschüsse der Bundesstaaten Bihar, Kerala, Uttar
Pradesh abfragen, ohne daß die Klasse ins Bild
kommt: die in Zahlen geleierte indische Misere. Der Schulstoff Elend. Die
Zukunft.
Denn unser
Lehrerehepaar soll eine Reise machen, wie Ute und ich, Volker und Margarethe
unsere Reisen machen. Und wie wir sollen
es fremd dazwischenstehen und schwitzend die Wirklichkeit mit der
Statistik vergleichen. Der Luftsprung von Itzehoe nach Bombay. Die
Zeitverschiebung. Das Angelesene im Handgepäck. Ihr Vorwissen. Ihre
Schutzimpfungen. Der neue Hochmut: Wir kommen, um zu lernen...
Dabei riechen sie vordringlich
nach Angst. Es könnte beide (wie uns in Shanghai) mitten in Bombay, wo es
wimmelt, die Spekulation anfallen: es habe die Welt, anstelle der Inder, mit
siebenhundert Millionen Deutschen zu rechnen. Doch diese Zwischengröße paßt
nicht zu uns. Sie ist, nach deutschem Maß, nicht spekulativ genug. Wir sterben
entweder aus, oder wir werden eine Milliarde zählen. Entweder oder.
Und auch unser
Lehrerpaar aus Itzehoe ‑ das liegt bei Brokdorf ‑ ist
politisch, privat und überhaupt auf das mitteleuropäische Gesellschaftsspiel
»Einerseitsandererseits« abgestimmt. Sie macht bei der FDP mit;
er versorgt die umliegenden Ortsvereine der SPD mit Vorträgen zum Thema »Dritte
Welt«. Beide sagen: »Einerseits haben die Grünen recht, doch andererseits
bringen sie Strauß an die Macht.«
Das und noch mehr ist kaum auszuhalten im Kopf. Er vermißt Perspektiven, sie eine Sinngebung
allgemein. Ihre Launen, sein nachmittägliches Durchhängen. Sie wirft ihrem
Vater vor, daß er den Hof »der Eierindustrie verscherbelt hat«; er will
eigentlich seine Mutter, die in Hademarschen nur noch für sich sorgt, in den
Lehrerhaushalt aufnehmen, sucht aber dennoch, nach seinen Worten
»vernünftigerweise«, ein gut geführtes Altersheim. Sie, die prinzipiell auf
Mutterschaft fixiert ist, sieht sich, seitdem der indische Subkontinent ihren
Geografieunterricht belastet, wieder einmal dem Verzicht auf das Kind
verpflichtet. Er, dem die Schulkinder genug und zum Wochenende mehr als
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genug sind, meint neuerdings: “Also groß
genug für drei ist unsere Altbauwohnung mit Gartenauslauf allemal, selbst wenn
Mutter hierherzieht.”
Sie machen es sich nicht leicht. Das Kind bleibt
Thema. Ob sie in Itzehoes Holstein-Center einkaufen oder sich auf den Elbdeich
bei Brokdorf stellen, ob auf der Doppelmatratze oder bei der Suche nach einem
neuen Gebrauchtwagen: immer spricht das Kind mit, schielt nach Babysächelchen,
will über den Elbstrand krabbeln, wünscht sich beim Eisprung den Guß und
fordert Autotüren mit Kindersicherung. Doch es bleibt beim Alsob und
Angenommenwenn, wobei Harms Mutter (als Ersatzkind) mal in die Lehrerwohnung
aufgenommen, dann wieder in ein Altersheim abgeschoben wird, bis ein
vormittäglicher Schock die eingespurten Wechselreden entgleisen läßt.
Als die Studienrätin Dörte
Peters ihrer 10 a während der Geografiestunde die Familienplanung von
der Verhütungsaufklärung bis zur freiwilligen Sterilisierung als Programm gegen
die Überbevölkerung diktiert, springt eine
Schülerin (blond wie Dörte Peters) auf und wird schön durch Protest: “Und was
ist bei uns? Kein Zuwachs mehr. Immer weniger Deutsche. Warum haben sie
eigentlich keine Kinder? Warum nicht! In Indien, Mexiko, China nehmen sie zu
wie verrückt. Und wir hier, die Deutschen sterben aus!”
Jedenfalls verbreitet die Behauptung “Die
Deutschen sterben aus!” (nach kurzem, verschreckt abbrechendem Gelächter der
Klasse) jene nicht faßbare, sogar die Gymnasiallehrerin Dörte Peters besetzende Angst, die, mit anderen Angsten
gemischt, den Treibsatz abgeben wird für Sätze, die ins kommende, ins Wahljahr
hinein Franz
Josef Strauß sprechen oder sprechen lassen wird.
“Nein”, sagt Harm. “Er
ist kein Faschist.”
“Unbewußt doch”, sagt Dörte, “sonst würde er nicht so rasch, wenn er auf
Widerspruch stößt, mit dem Schlagwort ‘Faschisten! Ihr
roten Faschisten!’ zuhauen.” Sie einigen sich auf das Wort “latent”.
Bald wollen sie
ihre Koffer packen. Leichte Sommersachen, Baumwolle, tropengerecht. Noch
fehlen die letzten Impfungen. Harms Mutter und Dörtes Eltern müssen zum
Abschied besucht, die Katze muß noch versorgt werden. Denn Harm und Dörte
wollen, weil beide nicht mit sich und ihrem wechselseitig bejahten verneinten
Wunsch nach einem Kind zurechtkommen und weil die Sommerferien sogar für Lehrer
lang genug sind, eine Reise nach Indien, Thailand, Indonesien machen - oder
nach China, falls Schlöndorff und ich dort Dreherlaubnis bekommen.
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Der Streit geht weiter. Ich mische mich in
den Streit. Das geht mich an. Es sind mir wichtige Namen genannt worden: Eich und
Huchel, Koeppen und Kästner. Ich weiß nicht, was die Genannten bestimmt hat, so
zu überleben. Ich kann ihr Verhalten während der Nazizeit (weiterdichten und
publizieren) nicht wägen, doch nehme ich an, daß jeder für sich (und Eich und
Huchel im Streit miteinander) sein Verhalten am Schicksal jener Schriftsteller
gemessen hat, die Deutschland verlassen mußten, die in den Selbstmord getrieben
wurden, die man erschlagen hat. Oder sie haben sich später an Autoren messen
müssen, die gleichfalls geblieben waren und überlebten, doch ohne das von den
Nazis schlau eingeräumte Gehege zu nutzen.
Unser Lehrerpaar aus
Itzehoe, Dörte und Harm Peters, hat meine Ausflüchte und Gegenvorhaben überlebt. Es bereitet sich immer
noch auf die Reise vor.
Sie will konzentriert nur Indien erleben: “Wir
verzetteln uns sonst und kriegen nichts richtig mit.”
Er will unbedingt einen alten Schulfreund auf
Balibesuchen: »Interessiert mich schon, wie der sich da vorkommt. Und
entspannen müssen wir auch mal. Soll außerdem schön sein, da unten. Ziemlich
unverdorben.”
Sie macht ihre Klasse erst am letzten Schultag,
nachdem sie die Zeugnisse (zwei Sitzenbleiber) ausgeteilt hat, mit ihren Plänen
bekannt: “Übrigens denke ich an eine Studienreise, unter anderem nach Indien.
Vielleicht gelingt es mir im Herbst, euch die Probleme der Überbevölkerung
anschaulicher, ich meine, aus eigener Anschauung darzustellen.”
Er will von seiner Klasse wissen: “Wir haben
kürzlich Indonesien durchgenommen. Meine Frau und ich werden während der
Sommerferien Java und Bali
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besuchen. Worauf soll ich besonders achten? Habt
ihr Fragen?«
Und später, in Djakarta, erfragt Harm Peters bei einem chinesischen Händler den Preis
einer Kawasaki in Rupien, damit er gegen Ende des Films die Frage des Schülers,
den sonst nichts interessiert, (pädagogisch vermittelnd) beantworten kann: Die
kostet da soundsoviel, in Demark umgerechnet soundsoviel, das macht für einen
indonesischen Arbeiter, der nur soundsoviel verdient, mehr als fünf Monatslöhne
aus, während ein westdeutscher Arbeitnehmer...
In einer anderen Szene hält
das S
P D ‑Mitglied Harm Peters
einen Vortrag. Nach Behandlung kommunalpolitischer Tagesordnungspunkte spricht
er (womöglich zu Dia‑Einblendungen) über Slumprobleme asiatischer
Großstädte, wobei er, mit Hinweis auf seine bevorstehende Asienreise, eine
Fortsetzung des Vortrages, »die Vertiefung der Problematik<< ankündigt.
Doch sobald Harm Peters die Genossen zur Diskussion auffordert, meldet sich ein
IG‑Metaller am Thema vorbei: »Ich will noch mal kurz auf Punkt drei der
Tagesordnung zurückkommen: Kriegen wir nun die Ampelanlage vor der Realschule
oder was ist?«
Peters wird, weil er auf einer sachbezogenen
Diskussion seines Vortrages besteht ‑ »Genossen, es geht hier schließlich
um die Probleme der Dritten Welt!« ‑, allseits abgeschmettert: »Jadoch,
ja. Aber uns geht es um die Gefährdung der Schulpflichtigen auf dem Schulweg.
Das ist auch wichtig. Das verstehst du nicht, Harm. Du hast keine Kinder!«
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Hier müßte der Film aufs Stichwort
reagieren: Dörte hat im
Vorjahr, als sie (wie immer noch) einerseits ein Kind haben wollte, doch
andererseits nicht bereit war, ein Kind, »mein Kind in diese zunehmend von
Kernenergie verseuchte Welt zu setzen«, im zweiten Monat abtreiben lassen. Auch
Harm war für die Abtreibung: »Erst wenn du innerlich voll zu dem Kind stehen
kannst und wenn wir die Landtagswahlen hinter uns haben, erst dann ... «
Das und das übrige Elend der Welt diskutieren die beiden auf dem
Elbdeich zwischen Hollerwettern und Brokdorf Erhöht stehen sie dem ummauerten,
verzäunten, mit Spanischen Reitern, Wachtürmen und ähnlichen D D R‑Anleihen
geschützten Baugelände gegenüber, das langsam zuwächst und annähernd idyllisch
wird, seitdem durch Gerichtsbeschluß ein Baustopp für das Atomkraftwerk
Brokdorf erlassen wurde. Demnächst, beim Termin in Schleswig, könnte er durch
einen gegensätzlich lautenden Gerichtsbeschluß wieder aufgehoben werden.
Harm sagt: »Das sind doch Ausreden, billige Ausreden! Mal
ist es die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, mal ne bevorstehende
Landtagswahl, mal meine Mutter, die überhaupt nicht vorhat, zu uns zu ziehen,
und notfalls hindert uns die Planung oder Genehmigung weiterer Kernkraftwerke,
hier oder sonstwo, ein Kind, unser Kind in die Welt zu setzen.«
Aber Dörte hat
nun mal diese wechselnden Zukunftsängste: »Wenn wir schon ohne Perspektive
sind, wie soll denn das Kind, frag ich dich, unser Kind ... «
Harm wird zynisch: »Schnelle Brüter verhindern
Schwangerschaft! Könnte als Aufmacher in der Bild
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Zeitung stehen. Und wer sorgt später für unsere
Renten? Wo wir doch, nach dem Schweine‑ und Butterberg, einen Rentnerberg
kriegen ... «
»Aber ich will nicht!« schreit sie.
»Weil dir das nicht in den Kram paßt!« schreit er.
Vielleicht lacht Dörte
jetzt, wie gegen ihren Willen, doch gibt sie zu: »Na schön. Natürlich spielt
auch Bequemlichkeit eine Rolle. Aber nicht nur bei mir. Auch dein Konzept sieht
kein Kind vor. Auch deine Unabhängigkeit, Reiselust, was weiß ich, könnte durch
ein Kind, ich meine, wenn es mal da ist ... «
Wie ein Pfarrer am Bußtag steht Harm auf dem Deich. Er predigt mehr den Kühen, den
Schafen in der Marsch und den Großtankern auf der Elbe als seiner Dörte:
»Wahrlich, ich sage dir! Und dein heiliges Recht auf Selbstverwirklichung ist
in Gefahr. Könnten wir denn, liebste Dörte, mit Kleinkind am Hals unsere
schönausgedachte Asienreise machen? Müssen wir uns nicht fragen, ob unser
Programm, das nicht nur die üblichen Sehenswürdigkeiten verspricht, sondern
auch, ich zitiere: >die oft grausamen Wirklichkeiten des asiatischen
Großraumes< zu bieten hat, eine Reise mit solch süßem Balg als Handgepäck
erlaubt? Will Dörte Peters ihr Baby etwa nach Indien mitschleppen, wo es schon
so viele, viel zu viele Babys gibt? Und gegen was sollen wir das Söhnchen, wenn
es eins wird, impfen lassen? Gegen die Pocken, Cholera, gegen Gelbfieber? Soll
es, wie wir, drei Wochen vor der Abreise gegen Malaria Tabletten schlucken oder
in die keimfreie Dosennahrung gerührt bekommen? Und müßten wir dann nicht den ganzen
Wegschmeißkram, fünfzig Dosen
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mit Vakuumverschluß, Päckchen, Tüten, Windeln,
einen Sterilisator, die Babywaage, was noch alles im Gepäck haben, damit unser Söhnchen ... «
jetzt lacht Dörte wirklich und ein wenig zu laut. Und so spontan kann sie
anderer Meinung sein: »Aber ich will ein Kind, will ein Kind! Schwanger, dick,
rund und kuhäugig will ich werden. Und Muh sagen. Hörst du! Muh sagen. Und
diesmal, mein bester Harm und Vater meines gewollten Kindes, ist nicht nach
zwei Monaten Schluß. Ehrlich. Sobald wir fliegen, hörst du, sobald wir das
hier, ja, euch Heinis da drüben in eurem Atom‑KZ, unter uns, hinter uns
haben, setz ich die Pille ab!«
So etwa
lauten Regieanweisungen: beide lachen. Aber weil die Kamera draufhält, lachen sie nicht
nur. Sie greifen nacheinander, kriegen, balgen sich, pellen sich die Jeans
runter, »vögeln sich«, wie Harm sagt, »bumsen sich«, wie Dörte sagt, auf dem
Deich zwischen Kühen und Schafen, frei unter freiem Himmel.
Harm und Dörte finden das Angebot einer Reisegesellschaft, die
sich Sisyphos nennt, »ziemlich brutal«. (Warum Sisyphos? Das will ich mich
später fragen.)
Sie sagt, »Mann, sind die zynisch.«
Er sagt, »aber ehrlich.«
»Klar doch«, sagt Harm, »die haben begriffen, daß Leute wie wir
ein Alternativprogramm suchen. Wir
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wollen ran an die Wirklichkeit und uns nicht wie
Herdenvieh durch Tempelanlagen treiben lassen. Steht hier schwarz auf weiß:
>Asien ungeschminkt erleben<.«
Nachdem sich Dörte zuerst
ein wenig entrüstet hat, »weil die auch nur dickes Geld machen wollen«, findet
sie das angebotene Reiseprogramm ausgewogen: »Immerhin kommt der kulturelle
Aspekt nicht zu kurz. Und richtige Ferien sind zwischendurch auch drin.«
Ich nehme mich von so gemischten Bedürfnissen nicht aus. So etwa
reisten Ute und ich, wenn auch ohne Prospekt. Wir besuchten am Morgen den
einen, den anderen Slum, ruhten mittags im klimatisierten Hotel, besichtigten
am späten Nachmittag buddhistische Tempelanlagen, hörten uns am Abend (nach
meinem obligaten Vortrag) bei Drinks und Häppchen den Bericht einiger Experten
über eine zweihundert Meilen entfernte Hungerregion an, die wir am folgenden
Tag aufsuchten: aus mitgebrachter Distanz beteiligt, bescheiden überlegen,
aufmerksam, angestrengt frei von Ekel. Mein statistisches Wissen hatte ich
während der Anreise abgelegt und mich zum Schwamm erklärt, der
aufnimmt. Ich stellte nur selten Fragen,
hörte, sah, roch und machte keine Notizen. Auch Fotos, die nebenher und wie
zufällig entstanden, kamen später nicht in
Betracht. Ich schämte mich, schamlos zu
sein. Jetzt will ich Harm und Dörte auf
unsere Reise schicken, aber sie widersprechen mir. Sie wollen ihr Vorwissen
nicht
ablegen. Sie nennen das Ganze eine Zumutung.
Noch haben sie Hemmungen, nach meinem gemischten Programm zu reisen. Sie sind
verschämt. Doch da sie nicht
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übliche Touristen sein wollen und sich, wie beide
sagen, »ihrer objektiven Urteilskraft« sicher sind, unterschreiben sie ‑
Dörte vor Harm ‑ das Formular der Reisegesellschaft »Sisyphos« und sind,
bevor sie starten, schon auf dem Trip.
Noch weiß ich nicht, wie meine Bedenken und Ausflüchte in einem Film,
der alles eindeutig macht, sichtbar werden könnten. Auch wenn die beiden
unterschrieben, gebucht und sich für meine Reiseroute entschieden haben, bleibe
ich unschlüssig. Ich muß mit Schlöndorff sprechen. Nur
Verstörungen und Ortswechsel, welche Handlung sonst hätten Harm und
Dörte zu bieten? Außer dem Kind Ja, dem Kind Nein spielt sich zwischen den
beiden nichts Aufregendes ab. Allenfalls könnte Harms Wunsch, auf Ball einen
Schulfreund namens Uwejensen besuchen zu wollen, Handlung einleiten.
Also kauft Harm
in einer Itzehoer Metzgerei ein Kilo hausgemachte, leicht angeräucherte, grobe Leber
wurst im Naturdarm, die er, des sie erwartenden Klimas
wegen, in Plastikfolie einschweißen läßt. »Ich bin sicher«, sagt er zu Dörte,
»daß sich Uwe darüber freuen wird. Gibt es doch nicht da unten. Und ich weiß
noch wie heute, wie gerne der Leberwurst fraß.«
Die eingeschweißte Leberwurst wird
später im Handgepäck versorgt. Von jenem Schulfreund könnte, außer sportlichen
Leistungen (Handball), bekannt werden, daß er zuerst in Singapore, dann in Djakarta
als Hoechst‑ oder Siemensvertreter paar Jahre lang schnelles Geld gemacht
hat ‑ »Der war schon immer ein fixerjunge!« sagt seine Schwester ‑
und sich dann auf Ball zur Ruhe gesetzt haben soll.
In einem Korb tragen Harm
und Dörte ihre Katze, die grau auf weißen Pfoten geht, zu Steppuhns.
Erich, Monikas Mann, hält von seinem vielgereisten Schwager nicht viel:
»Unzuverlässig. Und wo der politisch steht, keine Ahnung.«
Harm ist begeistert von seinem Einkauf: »Mann, der
wird Augen machen, wenn wir da aufkreuzen und ihm die Wurst servieren.
Hoffentlich stimmt die Adresse noch.« (Auch das Ehepaar Steppuhn ist kinderlos;
es freut sich über die geliehene Katze.)
Ich werde das zu verhindern suchen, obgleich Harm Peters, der wenig liest, aber wenn,
dann mit Leidenschaft Kriminalromane verschlingt, einen Hang zu abenteuerlicher
Gedankenflucht hat. (Er ahnt schon jetzt, daß die Wurst länger ist, als sie
wiegt.) Auch will ich nicht verschweigen, daß Volker Schlöndorff, den ich auf
Vicki Baums Roman »Liebe und Tod auf Bali« aufmerksam gemacht habe, mich
kürzlich mit Eric Amblers »Waffenschmuggel« beschenkt hat; jetzt gehört dieser
zwischen Hongkong, Manila, Singapore und Sumatra handelnde Thriller in
englischer Originalfassung, »Passage of Arms«, zu Harm Peters Reisegepäck
Immerhin bleiben mir Harm
und Dörte. Beide sind übersichtlich. Ihr Problem ist mir als Kopfgeburt
sicher. Jetzt, kurz vor der Landung, nimmt sie, wider alle beschworene Absicht:
das Kind Ja! ‑ die Pille: das Kind Nein! ‑ Und jetzt landen sie
endlich in Bombay mit einem Kilo deutscher Leberwurst im
Handgepäck.
In und hinter zwei überreichen
Schaufenstern wird Feinkost‑Kruse von zwei weißgekittelten Brüdern
allzeit gutsortiert gehalten. Das Angebot könnte Harm
verführen, außer der groben Leberwurst eine geräucherte Gänsebrust
auswiegen zu lassen, aber es bleibt bei der handlungsträchtigen Wurst. Bei
Gerbers könnte Dörte, außer nach Taschenbüchern über Indien und Indonesien,
nach exotischer Unterhaltungsliteratur fragen und von Herrn Gerbers persönlich
auf Vicki Baums »Liebe und Tod auf Ball« aufmerksam gemacht werden; aber es
bleibt bei statistischem Material, weil
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der Roman erst später ins Spiel kommen
soll. Und von Itzehoe läßt sich sagen, daß diese Stadt nur uneigentlich an der
Stör liegt, denn im Jahr 74 ließen die Stadtväter, nach einem Anfall
planerischen Wahnsinns, die Störschleife inmitten der Neustadt zuschütten.
Außerdem spricht für Feinkost‑Kruse, daß von der Kirchstraße die
Feldschmiede als Fußgängerzone abzweigt. Dort sieht man gelegentlich den
Genossen Harm Peters mit anderen Genossen
(Erich Steppuhn) den »Rotfuchs«, die Zeitung der Itzehoer
SPD, verteilen. Und in der Fußgängerzone Feldschmiede, die
auf das Holstein‑Center zuläuft, sollen während der herbstlichen
Wahlkampfphase Diskussionen mit Bürgern stattfinden.
Da Harm und Dörte Peters erst nach Beginn der Sommerferien reisen,
ist die
Landtagswahl in Nordrhein‑Westfalen schon Anfang Mai zu
Resultaten gekommen, die meinem fliegenden Lehrerpaar bekannt sind, die aber
ich nicht kenne und kaum schätzen kann; wie mir, während ich schreibe, die
Ergebnisse der Landtagswahl in Baden‑Württemberg (Mitte März) offen sind.
Als Werte hinterm Komma kichern Prozente. Das demokratische Rosenkranzbeten.
Das Wenn vor dem Aber. So foppt mich die Zukunft. Wie soll ich im November
wissen, ob die Grünen im März über fünf Prozent kommen, im Mal unter drei
Prozent bleiben werden? Schaffen sie in NRW mehr, fallen die dort schon immer
schwachen Freidemokraten raus; am Ende könnte zugunsten der CDU die absolute
Mehrheit der Mandate unterm Strich stehen.
O Zukunft! was täten wir ohne ihn? Wer könnte
seine Wortwörtlichkeiten ersetzen? Mit wem ließen sich fortan unsere Alpträume
bebildern? Wie soll ich meine »Kopfgeburten« ohne ihn weitertreiben? Die
Zukunft im Kaffeesatz. Was weiß ich. Was kann ich schon wissen. Ich nehme
einfach an: NRW hält sich, Strauß tritt nicht ab, noch ist alles offen, und Harm und Dörte fliegen (und landen endlich) mit
der Gewißheit, ihn, den hausgemachten Apokalyptiker, im Spätsommer, wenn sie
heimkehren, putzmunter zu finden.
Natürlich könnten Harm
und Dörte Peters in Bombay erste Station machen. Und erstmals hier zur
Stelle, könnte ihnen Dr. Wenthien, der überall ortskundig ist, neben den im
Prospekt angeführten Sehenswürdigkeiten (darunter der Tempel der Parsen‑Sekte)
den gleichfalls von »Sisyphos« angebotenen, am Meer gelegenen Großslum »Cheetah‑Camp«
empfehlen. Mit drei anderen Reisegruppenmitgliedern besichtigen sie (nach
Zahlung des üblichen, wenn auch im Prospekt verschwiegenen Draufgeldes) bei
dreiunddreißig Grad im Schatten zwei Stunden lang das weiträumige Elend,
nachdem ihnen Dr. Wenthien während der Hinfahrt in einem »Sisyphos«‑Kleinbus
die Geschichte des Slums, der vor wenigen Jahren noch »Janatha‑Colony«
geheißen und in Nachbarschaft des indischen Atomforschungszentrums seinen Platz
gehabt hatte, in allen Phasen erklärt hat: »Das ging natürlich nicht auf Dauer.
Zum Sicherheitsrisiko erklärt, wurde das Slumgebiet kurzerhand von Bulldozern
planiert. Ruckzuck wurde den siebzigtausend Slumbewohnern ein während der
Monsunzeit oft überflutetes Areal, Cheetah-
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Camp, angewiesen. Leider in unmittelbarer
Nachbarschaft zum Arsenalgelände der indischen Kriegsmarine, so daß sich
abermals die Sicherheitsfrage stellt. Abfall, Ausschuß. Sie sehen, auch Indien
hat seine Entsorgungsprobleme.«
Auf Dörtes, wie Harm hinterher fand, naive Frage, ob man denn
auf dem freigewordenen Janatha‑Gelände inzwischen menschenwürdige
Wohnungen gebaut habe, gibt Dr. Wenthien nahezu belustigt Bescheid: »Wo denken
Sie hin! Heute befindet sich dort ein Freizeitpark der indischen
Atomforschungsbehörde mit Swimming‑pool, Golfplatz und Kulturzentrum. Das
ist nun mal so. Überall macht sich der Fortschritt breit. Auch hierzulande sind
die Eliten nicht frei von Ansprüchen.«
Jedenfalls könnten die
beiden in Khlong Toel oder Cheetah‑Camp, im einen, im anderen Slum
ihren ersten Schock erleben oder den ersten in Bombay und den zweiten (samt
gebührenpflichtiger Slumübernachtung) in Bangkok. Wie beim Wettlauf zwischen
Hase und Igel ist Dr. Wenthien immer schon da, wo immer sie landen. Sobald die
Gruppe nach dem Frühstück das Tagesprogramm mit seiner Hilfe festlegt, spricht
er deutsch, als stamme er aus Hannover. Im Großslum Cheetah‑Camp
übersetzt er ihre Fragen in Hindi und ist, sobald die zumeist kastenlosen, das
heißt unberührbaren Slumbewohner antworten, einiger Dialekte und des
südindischen Tamil mächtig. So erfahren Dörte und Harm, daß fast alle Kinder
verwurmt sind und daß die Slumbewohner ihr Wasser in Kanistern kaufen müssen,
da Cheetah‑Camp nicht an die städtische Wasserversorgung angeschlossen
ist.
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Weil Dr. Wenthien auch die Sprache der Thai
beherrscht, könnte er die beiden, nachdem sie sich akklimatisiert haben, bei
einer Thaifamilie im Slum Khlong Toei als Eintagsgäste einquartieren. Es sind wahre
Erlebnisse, die er vermittelt. Sowas vergißt man nicht: den stehenden Gestank
der Sumpfkloake über dem aufgepfählten Bretterbudengewirr, die Fliegen, die
Ratten, die Enge und die Gastfreundschaft der zwölfköpfig heiteren Familie,
deren Nachbarn übrigens, bei Schmälerung ihrer Rationen, ein Baby fett und rund
mästen, damit es bei einem Baby‑Schönheitswettbewerb, den eine führende
Tageszeitung ausgeschrieben hat, preiswürdig wird. Harm
darf das Baby mit seiner Superacht filmen. Nach der Zahl ihrer Kinder
befragt, versuchen die beiden, ihren Gastgebern in einfachem Englisch und mit
Gesten ihr Problem ‑ das Kind Ja, das Kind Nein ‑ zu erklären. Die
Kinderreichen verstehen nichts, aber sie staunen.
Und Dörte führt
schlaflos Tagebuch. Bei Taschenlampenlicht schreibt sie: »Am meisten schockt
mich die Heiterkeit der Elenden. Immer haben sie was zu lachen. Dieser Wenthien
ist widerlich, aber versteht sein Geschäft. Natürlich ist das zynisch, was wir
machen. Aber unsere Pensionsgebühr ‑ lumpige zehn Demark pro Nase ‑
hilft der Familie einen halben Monat lang über die Runden. Eigentlich müßten
alle unsere Konsumdemokraten mal ein zwei Nächte in einem Slum übernachten, um
ihren verdammten Überfluß endlich satt zu kriegen ... «
Aber froh sind Harm und Dörte doch, als
sie wieder ins klimatisierte Hotel, auf ein richtiges Klo, unter die
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Dusche, an
den Kühlschrank mit den Drinks dürfen. Weil sie als einzige
ihrer Gruppe das »Sisyphos«‑Übernachtungsangebot wahrgenommen
haben, gratuliert ihnen Dr. Wenthien zu ihrem »wirklichkeitsfreudigen Mut«.
Selbstverständlich war man kein Risiko eingegangen. Wenthien hatte die beiden
mit keimfreiem Hotelwasser in Flaschen, mit immunisierenden Tabletten, mit
Keksen und in Klarsichtfolie verpacktem Obst versorgt. (Vor einigen Jahren noch
hat er mittelständische deutsche Herren so ausgerüstet in Bangkoks Bordellen
abgeliefert.)
Bei dieser Gelegenheit ‑ kaum aus dem Slum
zurück: der Griff in die Kühlbox ‑ sollte gezeigt werden, daß Harm die ausgeflogene, luftdicht eingeschweißte
Leberwurst zwischen Exportbier deponiert hat. Und da wir unseren
Film im Wahljahr drehen wollen, könnte Dr.
Wenthien schon in Bombay oder nach der Slumübernachtung (oder erst zwischen
balinesischen Sehenswürdigkeiten) auf seine maliziös verkniffene Art die beiden
Holsteiner nach den Wahlchancen des Kanzlerkandidaten fragen: »Wie ich höre,
sind Sie politisch aktiv. Wird nun die Bajuwarisierung Deutschlands erste
Erfolge zeigen? Sie wissen ja, seit dem Dreißigjährigen Krieg sind einige
Innerdeutsche Rechnungen noch immer nicht beglichen.«
Sollte unser Lehrerpaar aus Itzehoe an der Stör (im Film wie in
Wirklichkeit) China bereisen, müßte es vorher die indischen Großslums gerochen,
den hungernden Nordosten Thailands gesehen, das Indonesische Korruptionswesen
erahnt und überall dort die zerstörende Kraft und den leistungsfähigen Fluch
des westlichen,
von Japan gestärkten Wirtschaftssystems erkannt haben: die freien Marktzwänge,
den Fortschritt um jeden Preis, die Schweizer Fluchtkonten, den Zuwachs an
Elend.
Natürlich würden Dörte
und Harm Peters, die auch in China nicht wüßten, ob sie ein Kind in die
Welt setzen sollen, in Indien, Thailand und Indonesien allzu schnell ihr
Vorwissen mit dem Wort Neo‑Kolonialismus bestätigen. „Da, da!“ ruft Harm.
„Überall mischen sie mit: Siemens und Unilever...“ Zudem geben der indische Fatalismus, die Javanische Sanftmut
und das unbekümmerte Lachen der Thai nach bloßem Augenschein Erklärungen ab,
mit denen sich
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reisen läßt. „Mein Gott“, ruft Dörte, „wie man
hier ohne unseren Sicherheitstick in den Tag hinein lebt!“ Doch die Regierungen
aller drei Staaten sind souverän. Sie üben ihre Herrschaft weder fatalistisch
noch mit Sanftmut aus und gewiß nicht unbekümmert in den Tag hinein, sondern
mit Polizei‑ und Armeegewalt, mit Kastendünkel und Korruption, mit allen
Machtinstrumenten, die einheimisch überliefert sind oder aus westlichen
Arsenalen freihaus geschenkt wurden.
„Naja“, sagt Dörte Peters, „an unserem
Demokratieverständnis dürfen wir die Zustände hier nicht messen.“
„Das
ist doch klar“, sagt Harm Peters, „mit dem Hinduismus wäre auch Mao nicht fertig geworden.“ Ihn
interessiert das Soziale: von jedermann will er den Stunden‑ oder
Wochenlohn wissen; sie möchte schulische Fakten in ihrem Tagebuch sammeln.
Beide sagen: „Bevor wir hier Meinungsfreiheit fordern, sollten wir lieber zu
Hause ... “
„Endlich mal kein Aircondition!“ ruft Dörte.
„Endlich das Meer!“ ruft Harm.
Und Palmen, die man himmelwärts fotografieren
kann. Und ein weiter Sandstrand, auf dem eine angeschwemmte Schildkröte zum Foto
wird. Und einheimische Frauen, die junge Kokosnüsse und Tee servieren. Ihr Tuchgewand haben sie zwischen den Beinen
geknotet; doch zögert Harm, das betonte Gehen zu fotografieren. Auf dem Weg den
Strand entlang zum Fischerdorf – „Aber bitte bekleidet!“ mahnt Dr. Wenthien ‑ will Dörte
plötzlich, weil die Natur, die Palmen, das Meer, die tote Schildkröte, die
seltsam geknoteten Frauen ihr zureden – „Das macht mich hier alles irgendwie
an!“ ‑nun doch das Kind: „Unser Kind, hörst du? Man muß es wollen und
sich nicht bloß ausdenken. Mit dem Bauch, nicht nur mit dem Kopf wollen.
Kreatürlich sein, hörst du?“
Aber Harm, der zugibt, daß auch ihn das alles – „na, der
ganze Zauber hier!“ ‑ ziemlich anmache, will sei
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nen Kopf nicht auf Urlaub schicken. „Angenommen“,
sagt er, „wir kriegen das Kind. Und angenommen, es kommt gesund auf die Welt.
Und angenommen, es wächst sogar ohne die üblichen Frühschäden auf. Und
angenommen, wir kümmern uns wirklich, soweit wir uns beruflich freistellen
können, um unser Wunschkind: Es geht trotzdem schief. Ich sage dir, die Umwelt,
unser Schulsystem, der Fernsehzwang, alles, überhaupt alles wird unser Kind
verbiegen, wird es normen. Wie wir inzwischen verbogen, genormt sind. Und dann
die neuen Technologien! Stell dir vor, unser Kind wird an den Schulcomputer
angeschlossen. Nicht alleine natürlich, die ganze Klasse, alle Schulpflichtigen
werden, na, sagen wir, ab Ende der achtziger Jahre nicht mehr altmodisch, durch
viel zu teure und nur schwer zu kontrollierende Humanlehrkräfte, sondern durch
staatlich programmierte Lehrcomputer unterrichtet: direkt in die Hirnzellen der
lieben Kleinen: Tickeditack! Schluß mit dem blöden Büffeln. Kleines und großes
Einmaleins? Sitzt in einer halben Stunde. Tickeditack! Die Englischen
unregelmäßigen Verben? Ein Zehnminutenprogramm. Tickeditack! Vokabelhefte
führen? Daß ich nicht lache. Alles besorgen die handlichen
Kinderschlafzimmercomputer. Im Schlaf lernen, das ist die Zukunft! Und die
Kleinen mit ihren Daten, Zahlen, Formeln, Verben speichernden Hirnen werden
alles und nichts wissen. Und wir, Mutter Dörte, Vater Harm, werden blöd
dastehen, mit nichts als überflüssigen Erinnerungen, Halbkenntnissen und
moralischen Bedenken im Kopf. Und solch ein Kind, frag ich dich, willst du
verantworten?“
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Da sind sie schön, von Harms Rede getrieben, mitten im
Dorf, wenn das Dorf eine Mitte hat. Bruchbuden, Lehmhütten. Was die Netze
bringen, fingerlange Fischlein und kleineres Zeug, trocknet auf harten Böden,
an zu Wänden aufgestocktem Gestänge. Den Fischern gehören weder die Boote noch
die Netze noch das Fischzeug noch die Mühle, in der das Fischzeug zu Fischmehl
gemahlen wird. Fünftausend Menschen soll das Dorf zählen, darunter dreitausend
Kinder. Verwürmte, offensichtlich kranke, von Augenschäden gezeichnete Kinder.
Sie betteln nicht, lachen, spielen nicht, sind nur still und überzählig.
Dörte, die vorhin noch, angemacht von soviel Natur, ein
Kind, ganz kreatürlich ein Kind wollte, sagt auf dem Rückweg: „Die Kinder im
Slum waren lustiger.“
Abends,
auf der Terrasse des bescheidenen Hüttenhotels, hält Dr. Wenthien seiner
Reisegruppe einen kleinen Vortrag über das indische Fischereiwesen: „Nichts
bringt das. Dabei ist der Indische Ozean, bis auf die leergefischten
Küstengewässer, überaus fischreich und könnte, wenn man die Hochseefischerei
entwickeln wollte, den chronischen Proteinmangel der überwiegend vegetarisch
lebenden Bevölkerung beheben: längs der Küste, und wenn man Tiefkühlketten
einrichten würde, bis ins Land hinein. Aber die Inder, nun ja. Die können sich
nur vermehren. 57 000 Babys pro Tag. Jeden Monat zählen wir eine Million Inder
mehr. Hier müßten mal die Chinesen ihre Ordnung entfalten.“
Als Dörte nachts unter
dem Moskitonetz noch einmal auf das Kind zurückkommt und Wenthiens bei-
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spielhafte Chinesen zitiert: „Die Einkindehe wird
sogar in der Volksrepublik gefördert“, schreit Harm: „Nein! Nein! Sollen sie
doch aussterben, die Deutschen, von mir aus.“
Auf meinen Zetteln
für die ‚Kopfgeburten‘ steht zwischen Notizen die eingeklammerte Notiz: (Bevor das Lehrerpaar abreist oder nachdem es Ende
August nach Itzehoe zurückkommt, sagt Dörte Peters: „Noch nicht, Harm. Wir
müssen den
Wahlausgang abwarten. Unter Strauß setz ich kein Kind in die
Welt.“) ‑ Einfach lächerlich. Dieser Vorwand soll ihr genommen werden.