Farben und Sacherklärung
:
Link – Bevölkerung Link - Schaffensprozess
Link – Leberwurst Link – SPD; CDU
Link – Harm u.
Dörte Link – Grass et. al.
Link – Ost / West Politik
Zufuß zwischen Radfahrern, die sich in Haltung, Kleidung unendlich wiederholen, mitten
im Radfahrerdschungel, in Shanghai, jener Stadt, in der elf von neunhundertfünfzig
Millionen Chinesen leben, fremd in der
Masse, fiel uns plötzlich als Spekulation eine Umkehrung an: in Zukunft habe
die Welt mit neunhundertfünfzig Millionen Deutschen zu rechnen, während das
chinesische Volk, nach Zählung der in zwei Staaten lebenden Deutschen, mit
knapp achtzig Millionen Chinesen zu beziffern sei. Sogleich zwang sich mir eine
deutschstämmige Zwischenrechnung auf, nach der, zur deutschen Masse gehörend,
über hundert Millionen Sachsen und hundertzwanzig Millionen Schwaben auszögen,
der Welt ihren gebündelten Fleiß anzudienen.
Wir erschraken inmitten der Radfahrervölker. Kann
man sich das ausdenken? Darf man sich das ausdenken? Ist diese Welt
vorstellbar: bevölkert von neunhundertfünfzig Millionen Deutschen, die sich,
bei strikt eingehaltener Zuwachsrate von nur 1,2 %, dennoch bis zum Jahre 2ooo
auf über eine Milliarde und zweihundert Millionen Deutsche auswachsen? Wäre der
Welt das zuzumuten? Müßte die Welt sich nicht (aber wie?) dieser Zahl erwehren?
Oder könnte die Welt so viele Deutsche (Sachsen und Schwaben inbegriffen) ertragen,
wie sie zur Zeit über neunhundertfünfzig Millionen Chinesen erträgt?
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Und was wäre als Ursache dieser Ausgeburt
triftig? Unter welchen Voraussetzungen, nach welchem Endsieg hätten sich die
Deutschen so erschreckend vermehren können? Durch Einordnen, Eindeutschen,
durch Mutterkult und Lebensborn?
Um mich nicht weiter in Schlußfolgerungen zu
verlieren, beruhige ich uns mit dem Gedanken: Es ließe sich, bei Wiederbelebung
preußischer Traditionen, eine Milliarde Deutsche immerhin verwalten, wie die
chinesische Beamtentradition ihrer Masse, trotz revolutionärer Schuhe,
Verwaltung garantiert.
Dann mußten Ute und ich wieder auf die
Wirklichkeit, den Radfahrerverkehr achten. (Nur knapp gelang
es mir, die Epiphanie zu vermeiden, inmitten deutscher Radfahrervölker zufuß
bestehen zu müssen. Heil entkamen wir dem Verkehr und weiteren Erscheinungen,
die uns hätten verstören können.) Doch als unsere Monatsreise uns von China her
über Singapore, Manila und Kalro wieder nach München, Hamburg, Berlin brachte,
war die deutsche Wirklichkeit gleichfalls von Spekulationen durchsetzt, diesmal
von rückläufigen.
Um Stellen hinterm Komma wurde gestritten. Die
christliche Opposition warf
der Regierung vor, sie hindere die Deutschen, sich ordentlich zu vermehren. Sozialliberale
Mißwirtschaft lasse die Menschenproduktion stagnieren. Schwund
drohe dem deutschen Volk. Nur noch mit Hilfe der Ausländer gelinge es, sechzig
Millionen zu bleiben. Das sei eine Schande. Denn wenn man von den Ausländern
absehe ‑ was nur natürlich sei und selbstverständlich sein sollte -,
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ließe sich das vorerst noch langsame, dann
immer raschere Vergreisen, schließlich das Hinwegschwinden der Deutschen vorausberechnen,
wie man ja andererseits den Millionenzuwachs der chinesischen Bevölkerung
statistisch vorgewußt und bis zum Jahr 2ooo hochgerechnet habe.
Es mag sein, daß jener hohe Staatsbesuch aus der
Volksrepublik China, der sich mit der Bundestags‑ und
Öffentlichkeitsdebatte über den deutschen Bevölkerungsschwund
gleichzeitig hinzog, die Ängste der Opposition gefördert hat. Nun macht sie
Angst. Und da die Angst in Deutschland immer gute Zuwachsraten gehabt hat und
sich schneller als die Chinesen vermehrt, ist sie angstmachenden Politikern zum
Programm geworden.
Die Deutschen sterben aus. Ein Raum ohne
Volk. Kann man sich das
vorstellen? Darf man sich das vorstellen? Wie sähe die Welt
aus, gäbe es keine Deutschen mehr? Was finge die Welt mit sich an ohne die
Deutschen? Müßte sie fortan am chinesischen Wesen genesen? Ginge den Völkern
ohne die deutsche Zutat das Salz aus? Hätte die Welt ohne uns noch irgendeinen
Sinn oder Geschmack? Müßte die Welt sich nicht neue Deutsche erfinden,
inbegriffen Sachsen und Schwaben? Und wären die ausgestorbenen Deutschen im
Rückblick faßlicher, weil nun in Vitrinen zur Ansicht gebracht: endlich von
keiner Unruhe mehr bewegt?
Und weiter gefragt:
gehört nicht Größe dazu, sich aus der Geschichte zu nehmen, dem Zuwachs zu
entraten und nur noch Lehrstoff für jüngere Völker zu sein?
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Da diese Spekulation langlebig zu sein
verspricht, ist sie mir Thema geworden.
Ich weiß noch nicht: wird es ein Buch. oder Film? “Kopfgeburten” könnte der Film oder das Buch oder beides
heißen und sich auf den Gott Zeus berufen, aus dessen Kopf die Göttin Athene
geboren wurde; ein Widersinn, der männliche Köpfe heutzutage noch schwängert.
Im Reisegepäck hatte ich ein anderes Thema.
Auf vierzehn Seiten Manuskript ausgebreitet, lag es obendrein in englischer
Fassung bereit: »Die beiden deutschen Literaturen« ‑ oder wie der
Untertitel hätte heißen können: »Deutschland ‑ ein literarischer
Begriff«. Denn meine These, die ich in Peking, Shanghai und anderenorts
vortragen wollte, sagt: Als etwas Gesamtdeutsches läßt sich in beiden deutschen
Staaten nur noch die Literatur nachweisen; sie hält sich nicht an die Grenze,
so hemmend besonders ihr die Grenze gezogen wurde. Die Deutschen wollen oder
dürfen das nicht wissen. Da sie politisch, ideologisch, wirtschaftlich und
militärisch mehr gegen‑ als nebeneinander leben,
gelingt es ihnen wieder einmal nicht, sich ohne Krampf als Nation zu begreifen:
als zwei Staaten einer Nation. Weil sich die beiden Staaten einzig
materialistisch hier ausleben, dort definieren, ist ihnen die andere
Möglichkeit, Kulturnation zu sein, versperrt. Außer Kapitalismus und
Kommunismus fällt ihnen nichts ein. Nur ihre Preise wollen sie vergleichen.
Erst neuerdings, seitdem es mit der Zuwachsrate
hapert und das liebe Öl nicht mehr fließt, wie es soll, sucht man nach
positiven Inhalten: Zukost soll das
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leibeigne Vakuum stopfen. Man stochert nach
geistigen Werten, die, um intellektuelle Spitzfindigkeiten auszuschließen,
Grundwerte genannt werden. Ethik im Schlußverkauf. Tagtäglich kommt ein neuer
Christusbegriff auf den Markt. Kultur ist in. Lesungen, Vorträge, Ausstellungen
sind überlaufen. Theaterwochen wollen nicht enden. An Musik hört man sich satt.
Wie ein Ertrinkender greift der Bürger zum Buch. Und die Schriftsteller des
einen, des anderen deutschen Staates sind populärer, als es die Polizei des
einen erlauben, die Demoskopie des anderen wahrhaben will; das ängstigt die
Dichter.
Mit einfachen, vereinfachenden Sätzen wollte ich
vom phasenverschobenen Entwicklungsprozeß der deutschsprachigen
Nachkriegsliteratur berichten, von ihrer unbeholfenen Direktheit und kargen
Enge. Vor zweihundert (von neunhundertfünfzig Millionen) Chinesen sagte ich
dann in Peking: »1945 war Deutschland nicht nur militärisch besiegt. Nicht nur
die Städte und Industrieanlagen waren zerstört. Größerer Schaden lag vor: die
Ideologie des Nationalsozialismus hatte die deutsche Sprache um ihren Sinn
betrogen, hatte sie korrumpiert und in weiten Wortfeldern verwüstet. In dieser
verletzten Sprache, alle Beschädigungen mitschleppend, begannen die
Schriftsteller mehr zu stammeln als zu schreiben. Gemessen wurde ihre
Hilflosigkeit an Thomas Mann, Brecht, an den Riesen der Emigrationsliteratur;
gegen deren schon klassische Größe konnte nur Stottern als Form bestehen.«
Da sagte einer von den wenigen Chinesen, die sich
hatten versammeln dürfen: »So geht es uns heute. Um zehn Jahre hat uns die
Viererbande« (er meinte: die Kulturrevolution) »betrogen. Nichts wissen wir.
Dumm stehen wir da. Alles, sogar unsere Klassiker waren verboten. Und auch die
Sprache haben sie verkrüppelt. Nun beginnen einige Schriftsteller vorsichtig,
oder wie Sie sagen, stammelnd, zu erzählen, was wirklich ist. Sie schreiben,
was auch verboten war: über Liebe und
so. Natürlich ohne die gewisse Körperlichkeit. Da sind wir noch immer ein
bißchen streng. Sie wissen ja, bei uns darf man erst spät heiraten. Natürlich
gibt es Gründe dafür: das Bevölkerungsproblem. Wir sind ein
bißchen viele geworden, nicht wahr. Und Verhütungsmittel bekommen nur Ehepaare.
Niemand hat bisher die Not der jungen Leute beschrieben. Sie haben keinen Platz
für sich. Sie dürfen sich nicht haben.«
Der das in seinem blauen Zeug sagte, mochte
Anfang Dreißig sein. Sein Deutsch hatte er trotz und während der
Kulturrevolution aus Lehrbüchern gelernt, die er mit ideologisch üblichen
Schutzumschlägen tarnen mußte. Nach dem Fall der »Viererbande« durfte er für
ein Jahr nach Heidelberg, wo er seine Kenntnisse auf bundesdeutschen Stand
brachte. »Wir, unsere Generation«, sagte er, »ist echt verblödet worden.« Heute
ist er Lehrer, der sich weiterbilden will. »Wir lernen jetzt ziemlich viel.
Achtunddreißig Unterrichtsstunden die Woche... «
Mein Lehrerehepaar ‑ diese Kopfgeburt! ‑ kommt aus Itzehoe, einer
Kreisstadt in Holstein, zwischen Marsch und Geest gelegen, mit rückläufiger
Einwohnerzahl und wachsenden Sanierungsschäden. Er ist Mitte, sie
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Anfang Dreißig.
Geboren wurde er in Hademarschen, wo immer noch seine Mutter lebt, sie in der
Kremper Marsch, wo ihre Eltern, nach Verkauf des Hofes, ihren Altentell in
Krempe bezogen haben. Beide sind anhaltend sich selbst reflektierende Veteranen
des Studentenprotestes. In Kiel haben sie sich kennengelernt: bei einem Sit‑in
gegen den Vietnamkrieg oder gegen den Springer‑Konzern
oder gegen beides. Ich sage vorläufig Kiel. Es hätte auch Hamburg, womöglich
Berlin sein können. Vor zehn Jahren wollten sie mit vielen Wörtern
»kaputtmachen, was uns kaputtmacht«. Gewalt erlaubten sie sich allenfalls gegen
Sachen. Ihre Kulturrevolution ging schneller zu Ende. Deshalb haben sie ihr
pädagogisches Studium mit kaum nennenswerter Verzögerung abschließen und nach
nur kurzem Hinundher ‑ Partnerwechsel in Wohngemeinschaften ‑
heiraten können: zwar ohne Kirche, doch mit Familie.
Das war vor sieben Jahren. Seit fünf und vier Jahren sind beide
beamtet im Staatsdienst. Zwei Referendare, dann Assessoren, jetzt Studienräte.
Zwei, die sich ziemlich gleichmäßig liebhaben. Ein Paar zum Vorzeigen. Ein Paar
zum Verwechseln schön. Ein Paar aus dem gegenwärtigen Bilderbuch. Sie halten
sich eine Katze und haben noch immer kein Kind.
Nicht, weil es nicht geht oder klappt, sondern weil er, wenn sie »nun endlich
doch« ein Kind will, »noch nicht« sagt, sie hingegen wenn er sich ein Kind
wünscht ‑ »Ich kann mir das vorstellen; theoretisch« -, wie aufs
Stichwort dagegenhält: »Ich nicht. Oder nicht mehr. Man muß das versachlichen,
wenn man verant
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wortlich handeln will. In was für eine Zukunft
willst du das Kind laufen lassen? Da ist doch keine Perspektive drin. Außerdem
gibt es genug davon, zu viele Kinder. In Indien, Mexiko, Ägypten, in China.
Guck dir mal die Statistiken an.«
Beide unterrichten Fremdsprachen ‑ er Englisch, sie Französisch ‑
in der Kaiser‑Karl‑Schule, kurz KKS genannt, und im Nebenfach
Geografie. Die Kaiser‑KarlSchule heißt so, weil Karl der Große im neunten
Jahrhundert eine Strafexpedition nach Holstein geschickt hat, die sich etwa da
einmauerte, wo heute Itzehoe auseinandergeht. Und weil die beiden besonders
gerne Geografie unterrichten, wissen sie auch über Bevölkerungswachstum
Bescheid, nicht nur über Flüsse, Gebirge, Bodenbeschaffenheit und Erzvorkommen.
Er spricht mit Marx vom kapitalistischen Gesetz der Akkumulation durch
Überzähligmachung, sie pocht auf Daten, Kurven, Hochrechnungen: »Hier, der
Zuwachs in Südamerika. Überall drei Prozent. In Mexiko sogar fünf. Die fressen
das bißchen Fortschritt auf. Und der Papst, dieser Blödmann, verbietet noch
immer die Pille.«
Sie nimmt sie regelmäßig. Übrigens immer zu Beginn der ersten
Unterrichtsstunde. Eine Schrulle oder schrullige Demonstration ihres
rationalisierten Verzichtes. Und so könnten die »Kopfgeburten« als
Film anfangen: Totale der Landkarte des indischen
Subkontinents. Sie, in Brusthöhe angeschnitten, verdeckt halb den Golf von
Bengalen, ganz Kalkutta und Bangladesh, nimmt wie beiläufig die Pille, klappt
ein Buch zu (trägt keine Brille) und sagt: »Wir können davon aus
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gehen, daß im Bundesstaat Indien die
Geburtenkontrolle, im Sinne der angestrebten Familienplanung, gescheitert ist.«
Jetzt könnte sie die
Bevölkerungszahlen und Überschüsse der Bundesstaaten Bihar, Kerala, Uttar
Pradesh abfragen, ohne daß die Klasse ins Bild
kommt: die in Zahlen geleierte indische Misere. Der Schulstoff Elend. Die Zukunft.
Deshalb sagte ich zu Volker Schlöndorff, den wir
mit Margarethe von Trotta in Djakarta und danach in Kairo trafen: »Wir sollten,
wenn wir den Film machen, in Indien drehen oder auf Java oder
‑ nachdem ich jetzt dagewesen bin ‑ in China,
falls wir da Dreherlaubnis bekommen.«
Denn unser Lehrerehepaar
soll eine Reise machen, wie Ute und ich, Volker und Margarethe unsere Reisen machen.
Und wie wir sollen es fremd
dazwischenstehen und schwitzend die Wirklichkeit mit der Statistik vergleichen.
Der Luftsprung von Itzehoe nach Bombay. Die Zeitverschiebung. Das Angelesene im
Handgepäck. Ihr Vorwissen. Ihre Schutzimpfungen. Der neue Hochmut: Wir kommen,
um zu lernen...
Dabei riechen sie vordringlich
nach Angst. Es könnte beide (wie uns in Shanghai) mitten in Bombay, wo es
wimmelt, die Spekulation anfallen: es habe die Welt, anstelle der Inder, mit
siebenhundert Millionen Deutschen zu rechnen. Doch diese Zwischengröße paßt
nicht zu uns. Sie ist, nach deutschem Maß, nicht spekulativ genug. Wir sterben
entweder aus, oder wir werden eine Milliarde zählen. Entweder oder.
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Die Schlöndorffs und wir reisen beruflich mit »Goethe«. Trotz dichten
Programms ist das einfacher. Sie zeigen ihre Filme, ich lese aus meinen
Büchern. Unser Lehrerehepaar will sich in den Ferien informieren, deshalb bucht
es bei einem Unternehmen, das laut Prospekt »wirklichkeitsorientierte« Reisen
verspricht. Wie es bei »Goethe« läuft, weiß ich; die Reisegesellschaft (und ihr
»knallhartes« Programm) muß mir noch einfallen. Wir sind auf die Leiter der Goethe‑Institute
angewiesen; unser Lehrerehepaar wird einem angestellten
Reisebegleiter folgen, der immer Bescheid weiß: wo man Ganesh‑Figürchen
oder javanische Marionetten kaufen kann, daß seitliches Kopfwiegen in Indien
Bejahung bedeutet, was man essen soll, was nicht, wieviel Trinkgeld bei
Rikschafahrten fällig ist und ob man, wenn sie zu zweit, natürlich in
Begleitung eines zu honorierenden Einheimischen, diesen oder jenen Slum
besichtigen, auch die Slumbewohner fotografieren darf.
Kein Wort über die Leiter der Goethe‑Institute
und ihre privaten Verstörungen. Von unserem angestellten Reiseleiter, der für
den Film, den wir drehen wollen, Hinduistik studiert hat, läßt sich sagen: er
könnte ein vergreistes Babygesicht zeigen. Sein wäßriger Blick beweist
Übersicht. Eine Art lieber Gott mit Nickelbrille. Zu allem hat er zwei
Meinungen.
Wie wir. Einerseits
ist der Bau von Atomkraftwerken ein nicht einzuschätzendes Risiko; andererseits
können nur die neuen Technologien den uns gewohnten Wohlstand sichern.
Einerseits gibt die manuelle Boden
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bearbeitung achthundert Millionen chinesischer
Bauern Arbeit und Nahrung; andererseits kann nur eine technisierte
Landwirtschaft die Hektarerträge steigern, wodurch einer‑ wie
andererseits über die Hälfte der Bauern arbeitslos oder für andere Aufgaben ‑
man weiß noch nicht, welche ‑ freigestellt werden würde. Einerseits
sollte man die Slums in Bangkok, Bombay, Manila und Kairo sanieren;
andererseits locken sanierte Slums immer mehr Landflüchtige in die Städte.
Einerseits andererseits.
Und auch unser Lehrerpaar aus Itzehoe
‑ das liegt bei Brokdorf ‑ ist politisch, privat und überhaupt auf
das mitteleuropäische Gesellschaftsspiel »Einerseitsandererseits« abgestimmt. Sie macht
bei der FDP mit; er versorgt die umliegenden Ortsvereine der
SPD mit Vorträgen zum Thema »Dritte Welt«. Beide sagen: »Einerseits haben die
Grünen recht, doch andererseits bringen sie Strauß an die Macht.«
Das und noch mehr ist kaum auszuhalten im Kopf. Er
vermißt Perspektiven, sie eine Sinngebung allgemein. Ihre Launen, sein
nachmittägliches Durchhängen. Sie wirft ihrem Vater vor, daß er den Hof »der
Eierindustrie verscherbelt hat«; er will eigentlich seine Mutter, die in
Hademarschen nur noch für sich sorgt, in den Lehrerhaushalt aufnehmen, sucht
aber dennoch, nach seinen Worten »vernünftigerweise«, ein gut geführtes
Altersheim. Sie, die prinzipiell auf Mutterschaft fixiert ist, sieht sich,
seitdem der indische Subkontinent ihren Geografieunterricht belastet, wieder
einmal dem Verzicht auf das Kind verpflichtet. Er, dem die Schulkinder genug
und zum Wochenende mehr als
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genug sind, meint neuerdings: “Also groß
genug für drei ist unsere Altbauwohnung mit Gartenauslauf allemal, selbst wenn
Mutter hierherzieht.”
Sie machen es sich nicht leicht. Das Kind bleibt Thema. Ob
sie in Itzehoes Holstein-Center einkaufen oder sich auf den Elbdeich bei
Brokdorf stellen, ob auf der Doppelmatratze oder bei der Suche nach einem neuen
Gebrauchtwagen: immer spricht das Kind mit, schielt nach Babysächelchen, will
über den Elbstrand krabbeln, wünscht sich beim Eisprung den Guß und fordert
Autotüren mit Kindersicherung. Doch es bleibt beim Alsob und Angenommenwenn,
wobei Harms Mutter (als Ersatzkind) mal in die Lehrerwohnung aufgenommen, dann
wieder in ein Altersheim abgeschoben wird, bis ein vormittäglicher Schock die
eingespurten Wechselreden entgleisen läßt.
Als die Studienrätin Dörte Peters
ihrer 10 a während der Geografiestunde die Familienplanung von der
Verhütungsaufklärung bis zur freiwilligen Sterilisierung als Programm gegen die
Überbevölkerung diktiert, springt eine
Schülerin (blond wie Dörte Peters) auf und wird schön durch Protest: “Und was
ist bei uns? Kein Zuwachs mehr. Immer weniger Deutsche. Warum haben sie
eigentlich keine Kinder? Warum nicht! In Indien, Mexiko, China nehmen sie zu
wie verrückt. Und wir hier, die Deutschen sterben aus!”
Schlöndorff und ich wissen
noch nicht, wie sich die Klasse zu dieser Anklage verhält.
Ist dieser Ausbruch auf das Elternhaus der Schülerin zurückzuführen? Sollte
nicht besser ein Schüler, mit Seitenhieb auf die Gastarbeiter, wie enthemmt
sein: “In Itzehoe werden
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fast nur noch Türkenbabys abgenabelt!”?
Oder sollten Schülerin und Schüler nacheinander ihre Anwürfe steigern?
Jedenfalls verbreitet die Behauptung “Die
Deutschen sterben aus!” (nach kurzem, verschreckt abbrechendem Gelächter der
Klasse) jene nicht faßbare, sogar die Gymnasiallehrerin Dörte Peters
besetzende Angst, die, mit anderen Angsten gemischt, den Treibsatz abgeben wird
für Sätze, die ins kommende, ins Wahljahr hinein Franz Josef Strauß sprechen
oder sprechen lassen wird.
“Noch eine Schwierigkeit”, sagte ich zu
Schlöndorff. “Wenn wir achtzig drehen wollen, geht das nur im Juli August.
Davor und danach ist Wahlkampf. Ich weiß nicht, was du
machen wirst. Aber nur zugucken will ich nicht. Es könnte zu viele Leute geben,
die sich ihre kleine Lust am Untergang bestätigen lassen wollen.”
In Pekings Universität und im
Fremdspracheninstitut Shanghai wurde nicht nach deutschen
Wiedervereinigungsplänen gefragt, in denen die Volksrepublik China eine Rolle
zu spielen hätte. Ich weiß auch nicht, ob meine These von der zuletzt
verbliebenen Möglichkeit zweier deutscher Staaten einer Kulturnation bei den
chinesischen Studenten und ihren Lehrern jenes Interesse fand, das bei uns
ausbleibt. Ich sagte: “Unsere Nachbarn in Ost und
West werden eine Ballung wirtschaftlicher und militärischer
Macht in der Mitte Europas nie wieder dulden nach der Erfahrung zweier
Weltkriege, die dort gezündet wurden. Doch könnte die Existenz der beiden
deutschen Staaten unter
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dem Dach eines gemeinsamen Kulturbegriffes
unseren Nachbarn verständlich und dem Nationalverständnis der Deutschen
angemessen sein.”
Eine Illusion mehr? Literatenträume? Ist meine
Behauptung, die ich in Peking und Shanghai, danach
anderenorts wie ein närrischer Wanderprediger vortrug - es hätten sich die
deutschen Schriftsteller, im Gegensatz zu ihren separatistischen Landesherren,
als die besseren Patrioten bewiesen - nur eine Trotzgebärde? Mit Beweisen von
Logau und Lessing bis zu Biermann und Böll zur Hand, setzte ich einfältig
(womöglich rührend in meiner Einfalt) Kenntnis der deutschen Kultur und ihrer
Entwicklung voraus. (Selbst meine beiden Lehrer, die nun Harm und Dörte Peters
heißen, winken ab und sind überfordert. “Mann”, sagt Harm, “sowas läuft nur im
Dritten Programm.”)
Wer heimkehrt, findet sich vor. als wir
aus Asien heimkehrten, standen neben dem chinesischen
Staatsbesuch und der Angst vor dem Aussterben der Deutschen, neben Bahros Umzug
von Ost
nach West und der allabendlichen Fernsehteilnahme am
Völkermord in Kambodscha auch die Nachwehen der Frankfurter Buchmesse auf der
Tagesordnung. Während dreißig Jahren, solange der eine deutsche Staat neben dem
anderen besteht, war es immer wieder zwingend gewesen, die NS-Vergangenheit
etwa des Adenauer-Staatssekretärs Globke, des Bundeskanzlers Kiesinger, des
Ministerpräsidenten Filbinger, des derzeitigen Bundespräsidenten Carstens aus
Akten zu ziehen, die sich (wie selbsttätig) verlegt hatten; nun war in der
Wochen-
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zeitung “Die Zeit” unter der Überschrift
“Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt”ein Aufsatz erschienen,
der den Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur bis in die Nazizeit
vordatierte und das Jahr 1945 als Stunde Null bestritt.
Dieser Aufsatz löste Streit aus, der sich
hinzieht. Unbestritten soll die Keuschheit der Nachkriegsliteratur, besonders
jener Autoren bleiben, die während der Zeit des Dritten Reiches Deutschland
nicht verlassen und ihre Werke in jenem Freigehege veröffentlicht haben, das
ihnen die Nazis eingeräumt hatten; weil aber die den Streit auslösenden Thesen
mit einigen nur halbgenauen, also ungenauen Hinweisen gespickt waren, die die
Nähe einiger Autoren zu NS-Institutionen belegen sollten, wird jetzt das
eigentliche Thema nebensächlich verhandelt, doch mit Fleiß die Blöße
wahrgenommen, die sich der Autor des umstrittenen Aufsatzes gegeben hat.
Denunziant wird er genannt. Wie ein Feind
soll er vernichtet werden. Im kalten Schrott hat er ein heißes Eisen gefunden
und angefaßt, öffentlich angefaßt. Zum Abschuß freigegeben, schlägt er nun
Haken. Wie lange noch? Die Verletzung eines Tabus wird nach entsprechenden
Riten geahndet.
Sobald sich die Deutschen - Täter wie
Opfer, Ankläger und Beschuldigte, die Schuldigen und die nachgeborenen
Unschuldigen - in ihre Vergangenheit verbeißen, nehmen sie eingefleischte
Positionen ein, wollen sie recht behalten, recht bekommen. Blindlings - im
Irrtum noch - machen sie deutsche Vergangenheit gegenwärtig, ist wieder die Wunde
offen und wird die Zeit, die verstrichene, die glättende Zeit aufgehoben.
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Ich nehme mich nicht aus. Als hätte
ich mein deutsches Bewältigungsgepäck mit nach Asien, bis hin
nach Peking verschleppt, fragte ich meine chinesischen Kollegen (bei Tee und
Süßigkeiten), wie man denn mit jenen Schriftstellern verfahre, die sich zwölf
Jahre lang der Kulturrevolution, der »Viererbande« verschrieben hatten. In
landesüblich umschreibender Weise antwortete man mir: Während der schlimmen
Jahre sei Literatur verboten gewesen. Eisiger Wind habe nichts blühen lassen,
nur einem einzigen Autor sei es, als Günstling der Viererbande, erlaubt
gewesen, mit acht Stücken das vorher leergefegte Programm der Peking-Oper zu
füllen. Ja, der dürfe sich noch immer Mitglied des Schriftstellerverbandes
nennen. Er werde Mitglied bleiben und habe mittlerweile ein neuntes Stück
geschrieben. Das sei dramaturgisch wirkungsvoll wie die anderen. Ein großes
Talent. Man diskutiere mit ihm.
Wir hätten in beiden deutschen Staaten den
Ausschluß aus demjeweiligen Schriftstellerverband gefordert. (Man wolle nicht,
wurde mir in Peking höflich versichert, die Fehler der Viererbande
wiederholen.) Welche und wessen Fehler wiederholen wir?
Mein Lehrerehepaar aus Itzehoe an der Stör wurde nach dem Krieg, er
fünfundvierzig, sie achtundvierzig geboren. Sein Vater fiel kurz vor Schluß in
der Ardennenschlacht. Ihr Vater kam Anfang siebenundvierzig aus sowjetischer
Kriegsgefangenschaft zurück: ein frühgealterter Jungbauer. Da Harm und Dörte den
Faschismus nicht kennen, sind beide schneller mit dem
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Wort zur Hand, als sie sich wechselseitig
erlauben wollen. Das Wort ist so griffig. Immer paßt es ein bißchen.
Mundgerecht zischt es wie der Name des Kandidaten.
“Nein”, sagt Harm. “Er ist kein
Faschist.”
“Unbewußt doch”, sagt Dörte,
“sonst würde er nicht so rasch, wenn er auf Widerspruch stößt, mit dem
Schlagwort ‘Faschisten! Ihr roten Faschisten!’ zuhauen.” Sie
einigen sich auf das Wort “latent”.
Bald wollen sie ihre Koffer
packen. Leichte Sommersachen, Baumwolle, tropengerecht. Noch fehlen die letzten
Impfungen. Harms Mutter und Dörtes Eltern müssen zum Abschied besucht, die
Katze muß noch versorgt werden. Denn Harm und Dörte wollen, weil beide nicht
mit sich und ihrem wechselseitig bejahten verneinten Wunsch nach einem Kind
zurechtkommen und weil die Sommerferien sogar für Lehrer lang genug sind, eine
Reise nach Indien, Thailand, Indonesien machen - oder nach China, falls
Schlöndorff und ich dort Dreherlaubnis bekommen.
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Der Streit geht weiter. Ich mische mich in
den Streit. Das geht mich an. Es sind mir wichtige Namen genannt worden: Eich
und Huchel, Koeppen und Kästner. Ich weiß nicht, was die Genannten bestimmt
hat, so zu überleben. Ich kann ihr Verhalten während der Nazizeit
(weiterdichten und publizieren) nicht wägen, doch nehme ich an, daß jeder für
sich (und Eich und Huchel im Streit miteinander) sein Verhalten am Schicksal
jener Schriftsteller gemessen hat, die Deutschland verlassen mußten, die in den
Selbstmord getrieben wurden, die man erschlagen hat. Oder sie haben sich später
an Autoren messen müssen, die gleichfalls geblieben waren und überlebten, doch
ohne das von den Nazis schlau eingeräumte Gehege zu nutzen.
Ich will nicht urteilen. Ein fragwürdiger
Glücksfall, mein Jahrgang, 1927, verbietet mir den Stab brechende Worte. Ich
war zu jung, um ernsthaft geprüft werden zu können. Und doch hängt es mir an:
Als Dreizehnjähriger habe ich mich an einem Erzählwettbewerb der
Hitlerjugend-Zeitschrift “Hilf mit!” beteiligt. Ich schrieb schon früh und war
auf Anerkennung versessen. Doch weil ich, offenbar die Adresse
fehleinschätzend, etwas Melodramatisches über die Kaschuben geschrieben und als
Fragment eingeschickt hatte, war mir das Glück sicher, keinen Hitlerjugend-,
keinen “Hilf mit!”-Preis zu bekommen.
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Also bin ich fein raus. Also belastet mich
nichts.
Keine Fakten sind greifbar. Nur meine
Vorstellung, die
nicht Ruhe gibt, schafft welche herbei:
Ich könnte
mich rückdatieren. Ich lasse meine
Biografie zehn
Jahre früher beginnen. Was sind schon zehn
Jahre! Ein
Daumensprung. Meine Vorstellung schafft
das.
Ich, Jahrgang 1917. 1933 wäre ich sechzehn
und nicht sechs Jahre alt, bei Kriegsbeginn zweiundzwanzig und nicht zwölf
Jahre alt gewesen. Da sogleich wehrpflichtig, hätte ich, wie die meisten meines
Jahrgangs, kaum den Krieg überlebt. Doch trotz dieser Wahrscheinlichkeit
spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten
Nationalsozialisten. Aus kleinbürgerlicher, die halbkaschubische Herkunft
verdrängender Familie, deutsch-idealistisch erzogen und auf das Prinzip der
Reinheit vergattert, hätte ich mich für großräumige Ziele begeistern und mir
(im Namen der Volksgemeinschaft) subjektives Unrecht als objektives Recht
erklären lassen. (Die Danziger SS-Heimwehr hätte, obgleich oder weil mein Onkel
Franz bei der Polnischen Post Dienst tat, im Spätsommer 39 mit mir rechnen
können, schriftlich bestimmt.)
Dank meiner Mitgift, dem rigorosen
Schreibtalent, wäre mir zu den Ereignissen der Bewegung (Machtergreifung,
Erntedankfest, Führers Geburtstag) und später zum Kriegsverlauf Gereimtes und
Hymnisches eingefallen, zumal die Poetik der Hitlerjugend (siehe Anacker, Schirach,
Baumann, Menzel) spätexpressionistische Wortballungen und gestische Metaphern
erlaubte. Meine Texte zu Morgenfeiern sind vorstellbar.
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Oder es hätte mich - angeregt von
feinsinnigen Deutschlehrern - naturbeflissene Innerlichkeit lammfromm gemacht
und auf Carossas oder, noch stiller, auf Wilhelm Lehmanns Spuren geleitet:
Sommerglanz, Herbstes Fülle, immer fleißig den Jahreszeiten hinterdrein. In
beiden Fällen hätte ich, wie ich mich einschätzen muß, vom Atlantikwall, vom
Oslofjord aus, von mythenbewohnter kretischer Küste oder (meiner
hafenstädtischen Herkunft kriegsfreiwillig entsprechend) als U-Boot-Fahrer
einen Verleger gesucht und gefunden.
Wahrscheinlich wäre mir ab Stalingrad -
jetzt sechsundzwanzig Jahre alt - ein trostloses Lichtlein aufgegangen: dem
Oberleutnant oder dem Gefreiten. Verwickelt in Partisanenerschießungen,
Vergeltungsschläge und Säuberungsaktionen, als Augenzeuge unübersehbarer Judendeportationen hätte ich meiner
spätexpressionistischen Reimkunst oder der Beschwörung der Schachtelhalme neue
Töne - ortlose Trauer, verzweifelte Wortwahl, Dunkles, Vieldeutiges -
beigemengt. Wahrscheinlich wären mir zum Rückzug (im Vergleich zu meiner
Schreibphase während der Zeit der raumfressenden Siege) sogenannte »allzeit
gültige Verse« gelungen.
Und in dieser Stillage, die vierundvierzig
noch meinem Verleger und der Zensur genehm gewesen wäre, hätte ich (Überleben
vorausgesetzt) zwanglos die bedingungslose Kapitulation, die angebliche Stunde
Null, womöglich auch ein zwei Jahre Gefangenschaft überbrücken und mich der
neuen, kargen und kaloriearmen, der pazifistischen bis antifaschistischen
Inhalte
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annehmen können; wie es geschehen ist laut
hundert und mehr Biografien.
Ein einziger, soweit ich weiß, Wolfgang Weyrauch,
hat sich zu solch einer Biografie bekannt. Ich trage meine Kopfgeburt nach: ja,
es stimmt. Kein Zusammenbruch fand statt. Keine Stunde Null schlug uns. Trüb
fließend waren die Übergänge. Das große Entsetzen über das Ausmaß der
geduldeten, direkt oder indirekt geförderten, in jedem Fall
mitzuverantwortenden Verbrechen kam erst später, mehrere Jahre nach der
angeblichen Stunde Null, als es schon wieder aufwärtsging. Dieses Entsetzen
wird bleiben.
Deshalb mische ich mich in den Streit. Wir
sind schon wieder so ausgewogen. Demokratisch gewitzt tricksen wir unsere
Bedenken aus. Allzu viel ist uns verständlich. Der brutale Wille zur Macht wird
“vital” genannt. Der Sprache des Vitalen, die jeder Verleumdung mächtig ist,
werden Ausbrüche nachgesehen. Es heißt: Das ist sein bayrisches Temperament.
Liberal nennen wir unser feiges Wegducken. Schon sind die Redaktionsstuben der
Rundfunkhäuser für die innere Emigration möbliert. Man muß nur eine Reise
machen und heimkehren: das alte, das immer neue Entsetzen findet sich vor.
Auf unsere Asienreise nahm ich, außer dem Vortrag
über “Die deutschen Literaturen” und
meinem Roman
“Der Butt”, drei Blatt Stichwörter
zum Thema “Kopfgeburten” mit. Aus dem Butt habe ich auf allen
Stationen
der Reise einfache Kapitel vorgelesen: Wie
Amanda
Woyke in Preußen die Kartoffel einführt.
Ein Märchen
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aus dem achtzehnten Jahrhundert, das in
Asien von heute ist: etwa in Regionen, in denen der ausschließliche Reisanbau
durch unbekannte Aussaaten (Mais, Sojabohnen) ergänzt werden soll, was am
beharrlichen Nein der Bauern scheitert, bis eine chinesische oder
javanische Amanda Woyke ...
Die Notizzettel für die Kopfgeburten habe ich nur beim
Hinflug gelesen und mit Zusätzen gespickt. Erst jetzt, zurück und schon wieder
den deutschen
Verengungen eingefügt, fallen die Zettel
aus der Mappe: Unser Lehrerpaar aus Itzehoe, Dörte und Harm
Peters, hat meine Ausflüchte und Gegenvorhaben überlebt. Es bereitet
sich immer noch auf die Reise vor.
Sie will konzentriert nur Indien erleben: “Wir verzetteln uns sonst und
kriegen nichts richtig mit.”
Er will unbedingt einen alten Schulfreund auf Balibesuchen: »Interessiert mich
schon, wie der sich da vorkommt. Und entspannen müssen wir auch mal. Soll
außerdem schön sein, da unten. Ziemlich unverdorben.”
Sie macht ihre Klasse erst am letzten Schultag, nachdem sie die Zeugnisse (zwei
Sitzenbleiber) ausgeteilt hat, mit ihren Plänen bekannt: “Übrigens denke ich an
eine Studienreise, unter anderem nach Indien. Vielleicht gelingt es mir im
Herbst, euch die Probleme der Überbevölkerung anschaulicher, ich meine, aus
eigener Anschauung darzustellen.”
Er will von seiner Klasse wissen: “Wir haben kürzlich Indonesien
durchgenommen. Meine Frau und ich werden während der Sommerferien Java und Bali
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besuchen. Worauf soll ich besonders achten? Habt
ihr Fragen?«
Und später, in Djakarta, erfragt Harm
Peters bei einem chinesischen Händler den Preis einer
Kawasaki in Rupien, damit er gegen Ende des Films die Frage des Schülers, den
sonst nichts interessiert, (pädagogisch vermittelnd) beantworten kann: Die
kostet da soundsoviel, in Demark umgerechnet soundsoviel, das macht für einen
indonesischen Arbeiter, der nur soundsoviel verdient, mehr als fünf Monatslöhne
aus, während ein westdeutscher Arbeitnehmer...
In einer anderen Szene hält
das S
P D ‑Mitglied Harm Peters
einen Vortrag. Nach Behandlung kommunalpolitischer Tagesordnungspunkte spricht
er (womöglich zu Dia‑Einblendungen) über Slumprobleme asiatischer
Großstädte, wobei er, mit Hinweis auf seine bevorstehende Asienreise, eine
Fortsetzung des Vortrages, »die Vertiefung der Problematik<< ankündigt.
Doch sobald Harm Peters die Genossen zur Diskussion auffordert, meldet sich ein
IG‑Metaller am Thema vorbei: »Ich will noch mal kurz auf Punkt drei der
Tagesordnung zurückkommen: Kriegen wir nun die Ampelanlage vor der Realschule
oder was ist?«
Peters wird, weil er auf einer sachbezogenen Diskussion
seines Vortrages besteht ‑ »Genossen, es geht hier schließlich um die
Probleme der Dritten Welt!« ‑, allseits abgeschmettert: »Jadoch, ja. Aber
uns geht es um die Gefährdung der Schulpflichtigen auf dem Schulweg.
Das ist auch wichtig. Das verstehst du nicht, Harm. Du hast keine Kinder!«
29
Hier müßte der Film aufs Stichwort
reagieren: Dörte hat im Vorjahr, als sie (wie
immer noch) einerseits ein Kind haben wollte, doch andererseits nicht bereit
war, ein Kind, »mein Kind in diese zunehmend von Kernenergie verseuchte Welt zu
setzen«, im zweiten Monat abtreiben lassen. Auch Harm war für die Abtreibung:
»Erst wenn du innerlich voll zu dem Kind stehen kannst und wenn wir die
Landtagswahlen hinter uns haben, erst dann ... «
Das und das übrige Elend der Welt diskutieren die
beiden auf dem Elbdeich zwischen Hollerwettern und Brokdorf
Erhöht stehen sie dem ummauerten, verzäunten, mit Spanischen Reitern,
Wachtürmen und ähnlichen D D R‑Anleihen geschützten Baugelände gegenüber,
das langsam zuwächst und annähernd idyllisch wird, seitdem durch
Gerichtsbeschluß ein Baustopp für das Atomkraftwerk Brokdorf erlassen wurde.
Demnächst, beim Termin in Schleswig, könnte er durch einen gegensätzlich
lautenden Gerichtsbeschluß wieder aufgehoben werden.
Harm sagt: »Das sind doch Ausreden, billige Ausreden! Mal
ist es die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, mal ne bevorstehende
Landtagswahl, mal meine Mutter, die überhaupt nicht vorhat, zu uns zu ziehen,
und notfalls hindert uns die Planung oder Genehmigung weiterer Kernkraftwerke,
hier oder sonstwo, ein Kind, unser Kind in die Welt zu setzen.«
Aber Dörte hat nun
mal diese wechselnden Zukunftsängste: »Wenn wir schon ohne Perspektive sind,
wie soll denn das Kind, frag ich dich, unser Kind ... «
Harm wird zynisch: »Schnelle Brüter verhindern Schwangerschaft! Könnte als
Aufmacher in der Bild
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Zeitung stehen. Und wer sorgt später für unsere
Renten? Wo wir doch, nach dem Schweine‑ und Butterberg, einen Rentnerberg
kriegen ... «
»Aber ich will nicht!« schreit sie.
»Weil dir das nicht in den Kram paßt!« schreit er.
Vielleicht lacht Dörte jetzt, wie
gegen ihren Willen, doch gibt sie zu: »Na schön. Natürlich spielt auch
Bequemlichkeit eine Rolle. Aber nicht nur bei mir. Auch dein Konzept sieht kein
Kind vor. Auch deine Unabhängigkeit, Reiselust, was weiß ich, könnte durch ein
Kind, ich meine, wenn es mal da ist ... «
Wie ein Pfarrer am Bußtag steht Harm
auf dem Deich. Er predigt mehr den Kühen, den Schafen in der Marsch und
den Großtankern auf der Elbe als seiner Dörte: »Wahrlich, ich sage dir! Und
dein heiliges Recht auf Selbstverwirklichung ist in Gefahr. Könnten wir denn,
liebste Dörte, mit Kleinkind am Hals unsere schönausgedachte Asienreise machen?
Müssen wir uns nicht fragen, ob unser Programm, das nicht nur die üblichen
Sehenswürdigkeiten verspricht, sondern auch, ich zitiere: >die oft grausamen
Wirklichkeiten des asiatischen Großraumes< zu bieten hat, eine Reise mit
solch süßem Balg als Handgepäck erlaubt? Will Dörte Peters ihr Baby etwa nach
Indien mitschleppen, wo es schon so viele, viel zu viele Babys gibt? Und gegen
was sollen wir das Söhnchen, wenn es eins wird, impfen lassen? Gegen die
Pocken, Cholera, gegen Gelbfieber? Soll es, wie wir, drei Wochen vor der
Abreise gegen Malaria Tabletten schlucken oder in die keimfreie Dosennahrung
gerührt bekommen? Und müßten wir dann nicht den ganzen Wegschmeißkram, fünfzig
Dosen
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mit Vakuumverschluß, Päckchen, Tüten, Windeln,
einen Sterilisator, die Babywaage, was noch alles im Gepäck haben, damit unser
Söhnchen ... «
jetzt lacht Dörte wirklich und ein wenig zu laut. Und so spontan kann sie anderer Meinung sein: »Aber ich will ein Kind, will ein Kind! Schwanger, dick, rund und kuhäugig will ich werden. Und Muh sagen. Hörst du! Muh sagen. Und diesmal, mein bester Harm und Vater meines gewollten Kindes, ist nicht nach zwei Monaten Schluß. Ehrlich. Sobald wir fliegen, hörst du, sobald wir das hier, ja, euch Heinis da drüben in eurem Atom‑KZ, unter uns, hinter uns haben, setz ich die Pille ab!«
So etwa
lauten Regieanweisungen: beide lachen. Aber weil die Kamera draufhält, lachen sie nicht
nur. Sie greifen nacheinander, kriegen, balgen sich, pellen sich die Jeans runter,
»vögeln sich«, wie Harm sagt, »bumsen sich«, wie Dörte sagt, auf dem Deich
zwischen Kühen und Schafen, frei unter freiem Himmel.
Nur einige mit Ferngläsern und Hunden
bewaffnete Wachmänner der noch immer zukünftigen Baustelle
des Atomkraftwerkes Brokdorf mögen die
beiden im Auge haben. Dann noch zwei Düsenjäger im Tiefflug.
(»Scheiß‑Nato!« stöhnt Dörte.)
Weitab bei Flut der Schiffsverkehr auf der Elbe. Sommerwolken.
Dazu sagt eine Notiz auf meinen nach Asien
verschleppten, von dort heimgeführten Zetteln: »Kurz vor der Landung in Bombay
oder Bangkok ‑ das Frühstück wird schon abgeräumt ‑ nimmt Dörte die
Pille, was Harm, der nur scheinbar schläft, sieht und wie ein Fatalist
akzeptiert.«
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Das geht zu schnell. Bevor ich die beiden
abfliegen lasse, will ich noch ein Weilchen unsicher sein. Es
fehlt am Programm. Es gibt so viele, zu viele Reiseprospekte.
Keiner taugt für die Kopfgeburten. Dem Titel treu, muß ich mir einen Prospekt
ausdenken. Einen zukünftigen. Denn das wird morgen schon möglich sein:
Tourismus mit Slumprogramm. Müde der üblichen Sehenswürdigkeiten, wollen wir
endlich sehen, was keine Postkarte weiß, woran die Welt krankt, wohin unsere
Steuergelder gehen, wie man so lebt im Slum: offenbar fröhlich, wie die
Prospektfotos zeigen, in all dem Elend.
Harm und Dörte finden das Angebot einer Reisegesellschaft, die
sich Sisyphos nennt, »ziemlich brutal«. (Warum Sisyphos? Das will ich mich
später fragen.)
Sie sagt, »Mann, sind die zynisch.«
Er sagt, »aber ehrlich.«
Der im Prospekt werbende Text sucht die Marktlücke.
»Wer den Stein wälzen will, wer die Kraft hat, zu sehen und zu begreifen, was
uns tief innen beunruhigt, wem es um Tatsachen, auch um harte Tatsachen geht
... « steht dort in sachlicher Maschinenschrift vor knapp gehaltenen
Informationen, die über die Säuglingssterblichkeit in Südostasien, über
Bevölkerungsdichte und Pro‑Kopf‑Einkommen auf
Java Bericht geben. »Sisyphos« hat für seine Reisenden den örtlich jeweils
vorherrschenden Proteinmangel errechnet und daneben (statistisch anklagend) die
Preissteigerungen für Sojabohnen an der Chicagoer Börse notiert.
»Klar doch«, sagt Harm,
»die haben begriffen, daß Leute wie wir ein Alternativprogramm suchen. Wir
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wollen ran an die Wirklichkeit und uns nicht wie
Herdenvieh durch Tempelanlagen treiben lassen. Steht hier schwarz auf weiß:
>Asien ungeschminkt erleben<.«
Nachdem sich Dörte zuerst ein
wenig entrüstet hat, »weil die auch nur dickes Geld machen wollen«, findet sie
das angebotene Reiseprogramm ausgewogen: »Immerhin kommt der kulturelle Aspekt
nicht zu kurz. Und richtige Ferien sind zwischendurch auch drin.«
Ich nehme mich von so gemischten Bedürfnissen nicht aus. So etwa
reisten Ute und ich, wenn auch ohne Prospekt. Wir besuchten am Morgen den
einen, den anderen Slum, ruhten mittags im klimatisierten Hotel, besichtigten
am späten Nachmittag buddhistische Tempelanlagen, hörten uns am Abend (nach
meinem obligaten Vortrag) bei Drinks und Häppchen den Bericht einiger Experten
über eine zweihundert Meilen entfernte Hungerregion an, die wir am folgenden
Tag aufsuchten: aus mitgebrachter Distanz beteiligt, bescheiden überlegen,
aufmerksam, angestrengt frei von Ekel. Mein statistisches Wissen hatte ich
während der Anreise abgelegt und mich zum Schwamm erklärt, der
aufnimmt. Ich stellte nur selten Fragen,
hörte, sah, roch und machte keine Notizen. Auch Fotos, die nebenher und wie
zufällig entstanden, kamen später nicht in
Betracht. Ich schämte mich, schamlos zu
sein. Jetzt will ich Harm und Dörte auf unsere Reise
schicken, aber sie widersprechen mir. Sie wollen ihr Vorwissen nicht
ablegen. Sie nennen das Ganze eine
Zumutung. Noch haben sie Hemmungen, nach meinem gemischten Programm zu reisen.
Sie sind verschämt. Doch da sie nicht
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übliche Touristen sein wollen und sich, wie beide
sagen, »ihrer objektiven Urteilskraft« sicher sind, unterschreiben sie ‑
Dörte vor Harm ‑ das Formular der Reisegesellschaft »Sisyphos« und sind,
bevor sie starten, schon auf dem Trip.
Noch weiß ich nicht, wie meine Bedenken und Ausflüchte in einem Film,
der alles eindeutig macht, sichtbar werden könnten. Auch wenn die beiden unterschrieben,
gebucht und sich für meine Reiseroute entschieden haben, bleibe ich
unschlüssig. Ich muß mit Schlöndorff sprechen. Nur Verstörungen und Ortswechsel,
welche Handlung sonst hätten Harm und Dörte zu bieten? Außer dem Kind Ja, dem
Kind Nein spielt sich zwischen den beiden nichts Aufregendes ab. Allenfalls
könnte Harms Wunsch, auf Ball einen Schulfreund namens Uwejensen besuchen zu
wollen, Handlung einleiten.
Es wohnt nämlich Uwes Schwester, die Monika
heißt, in Itzehoe. Sie (und nicht Harms Mutter in Hademarschen) nimmt die Katze
in Pflege. Sie kramt die Adresse ihres Bruders aus einem Stoß Briefe. Sie sagt:
»Vor zwei Jahren der letzte Schrieb. Steht hier: >Geht mir blendend. Nur auf
was Deftiges hätte ich Appetit ... <« Und Monika Steppuhn ‑ ihr Mann
ist Drucker bei Gruner und Jahr ‑ erinnert Harm an die Freßlust seines
Schulfreundes: »Mensch, weißt du noch, wie Uwe in Brunsbüttel, ja, nach der
Radtour, fünf Portionen Sülze zu Bratkartoffeln einfach so reingespachtelt hat
... «
Also kauft Harm in einer
Itzehoer Metzgerei ein Kilo hausgemachte, leicht angeräucherte, grobe Leber
wurst im Naturdarm, die er, des sie erwartenden Klimas
wegen, in Plastikfolie einschweißen läßt. »Ich bin sicher«, sagt er zu Dörte,
»daß sich Uwe darüber freuen wird. Gibt es doch nicht da unten. Und ich weiß
noch wie heute, wie gerne der Leberwurst fraß.«
Die eingeschweißte Leberwurst wird
später im Handgepäck versorgt. Von jenem Schulfreund könnte, außer sportlichen
Leistungen (Handball), bekannt werden, daß er zuerst in Singapore, dann in
Djakarta als Hoechst‑ oder Siemensvertreter paar Jahre lang schnelles
Geld gemacht hat ‑ »Der war schon immer ein fixerjunge!« sagt seine
Schwester ‑ und sich dann auf Ball zur Ruhe gesetzt haben soll.
In einem Korb tragen Harm und Dörte
ihre Katze, die grau auf weißen Pfoten geht, zu Steppuhns. Erich, Monikas Mann,
hält von seinem vielgereisten Schwager nicht viel: »Unzuverlässig. Und wo der
politisch steht, keine Ahnung.«
Harm ist begeistert von seinem Einkauf: »Mann, der
wird Augen machen, wenn wir da aufkreuzen und ihm die Wurst servieren.
Hoffentlich stimmt die Adresse noch.« (Auch das Ehepaar Steppuhn ist kinderlos;
es freut sich über die geliehene Katze.)
Ich gebe zu, daß die Idee mit der Leberwurst
(als möglicher Nebenhandlungsträger) biografischer Natur ist. Kurz
vor unserem Abflug ließ uns der Botschafter der
Bundesrepublik in Peking wissen, daß ihm nach hausgemachter grober Leberwurst
zumute sei. Also ließen wir bei unserem Dorfmetzger in Wewelsfleth, dem
Jungmeister Köller, zwei angeräucherte, darmpralle
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Würste in Folie einschweißen, verstauten die holsteinischen Produkte im Handgepäck
und flogen sie in die Volksrepublik China ein. Da der Botschafter Erwin Wickert
Anfang 8o pensioniert sein wird und dann aus allen diplomatischen Rücksichten
entlassen ist, kann ich so offen reden.
Also ist die Leberwurst keine
Kopfgeburt, sondern Tatsache. Und auch die Freude des Chinakenners und
Schriftstellers Wickert über die Wurst war unprotokollarisch tatsächlich. Ein
straffer Herr, der es verstünde, selbst seine Leidenschaften in Reih und Glied
antreten zu lassen. Ein preußisch‑konservativer Herr, den ich nach
nächtlichem Gespräch über chinesische Denkweise und deutsche Absolutheiten für
den kommenden Wahlkampf gewinnen konnte. Natürlich, sagte er, könne man von ihm
keine Begeisterung für die Gesamtschule oder für die Mitbestimmung erwarten,
aber gerne wolle er die außenpolitischen Träume des Kanzlerkandidaten an dessen
China‑Wunschbild messen. Dieser Stammtischstratege gehöre nicht ins
Kanzleramt.
Vielleicht sollte man einige preußische Tugenden,
die auch chinesische Tugenden genannt werden könnten, zum Beispiel die korrekte
Pünktlichkeit, wiederbeleben: denn als wir aus Asien heimkehrten, hatte sich
der Botschafter Wickert (unter ansehnlichem Briefkopf) schon beim
Metzgermeister Köller für die grobe und angeräucherte Leberwurst bedankt;
wie auch ich mich für die handlungsträchtige Idee bedanke: denn nun fliegt sie,
die Wurst, mit Harm und Dörte Peters in südöstliche Richtung. Erwartet wird die
Touristen
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gruppe, zu der die beiden gehören, vom Reiseleiter
der Reisegesellschaft »Sisyphos«, einem gewissen Dr. Konrad Wenthien.
Bedarf es dieser Figur, und muß sie so heißen?
Wird hier nicht abermals ein kinogerechter Einfall läufig, ohne zum
eigentlichen Thema, das Kind ja das Kind Nein, beitragen zu können? Und ist
nicht vorauszusehen, daß sich zwischen diesem Wenthien und unserem Mann auf
Bali, dem Schulfreund Uwe ‑ und sei es über die eingeflogene Leberwurst
‑, ein zufall‑, einfallbestimmtes Wechselspiel und schließlich
konspirative Handlung ergeben wird?
Ich werde das zu verhindern suchen, obgleich Harm Peters,
der wenig liest, aber wenn, dann mit Leidenschaft Kriminalromane verschlingt,
einen Hang zu abenteuerlicher Gedankenflucht hat. (Er ahnt schon jetzt, daß die
Wurst länger ist, als sie wiegt.) Auch will ich nicht verschweigen, daß Volker
Schlöndorff, den ich auf Vicki Baums Roman »Liebe und Tod auf Bali« aufmerksam
gemacht habe, mich kürzlich mit Eric Amblers »Waffenschmuggel« beschenkt hat;
jetzt gehört dieser zwischen Hongkong, Manila, Singapore und Sumatra handelnde
Thriller in englischer Originalfassung, »Passage of Arms«, zu Harm Peters
Reisegepäck.
Schon merke ich,
daß für den Film zu schreiben verführerisch ist. Es liegt soviel Material rum.
Einstellungen ergeben sich aus Einstellungen. Alles verkürzt sich auf »action«.
Immer das Bild sprechen lassen. Immer den Schneidetisch mitdenken. Bildsprache.
Hand
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Handlungsverschnitt. Dabei wollte ich doch ganz
anderem Gefälle, unserem ersten Gedanken nachgehen, der Ute und mich inmitten
Shanghai als Epiphanie überfiel, indem er neunhundertfünfzig Millionen Chinesen
zu demnächst einer Milliarde Deutsche mißraten ließ, die nun, weil noch immer
geteilt, nach ihrem nationalen Selbstverständnis suchen: nicht etwa auf
Fahrrädern, sondern alle motorisiert.
Achtzig Millionen unruhige Deutsche auf eine Milliarde Deutsche in
Unruhe gebracht. Darunter entsprechend viele Sachsen und Schwaben. Wenn das
kein Zuwachs ist! Das wabert episch. Das gärt. Was macht sie so unruhig? Was
suchen sie? Gott? Die absolute Zahl? Den Sinn hinterm Sinn? Eine Versicherung
gegen das Nichts?
Sie wollen sich endlich wissen. Sie fragen sich
und bedrohlich hilfsbedürftig ihre ängstlichen Nachbarn, die, an deutscher
Überzahl gemessen, zu Zwergvölkern geschrumpft sind: Wer sind wir? Wo kommen
wir her? Was läßt uns deutsch sein? Und was, zum Teufel, ist das: Deutschland?
Da die Deutschen selbst als Milliardenvolk
immer noch gründlich sind, setzen sie mehrere nationale
Findungskommissionen ein, die tiefgestaffelt gegeneinander arbeiten. Man stelle
sich das vor: diesen Aufwand an Papier, diesen Kompetenzstreit der einzelnen
Bundes‑ und Deutschländer. Schon haben sie, weil nur auf die Organisation
ihres Vorhabens versessen, dessen Ziel aus dem Auge verloren.
Meine Stunde. Jetzt melde ich mich zu Wort. Doch
mein alter, noch vorepiphanischer Vorschlag, sich über
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aller Vielfalt dennoch als eine Kulturnation zu
begreifen, findet nur in Randzonen Gehör. Meine Thesen werden anfangs nur von
den Delegierten der kulturschaffenden Minderheit ‑ zwölfeinhalb Millionen
Künstler, darunter vierhundertsiebenundachtzigtausend Schriftsteller ‑ im
einzelnen und als Ganzes diskutiert. Was ist Kultur? Was alles ist Kultur? Ist
Hygiene Körperkultur? Und wo, genau wo könnte Kultur im Bruttosozialprodukt
ihren Stellenwert haben?
Doch schon ist abzusehen, daß sich bald größere
Interessenverbände, nicht nur die Kirchen und Gewerkschaften, die private und
die vergesellschaftete Industrie, sondern auch die nahezu gleichstarken, etwa
achtzehn Millionen Mann zählenden Armeeverbände der beiden deutschen Staaten
als Kulturträger, in Eliteeinheiten sogar als Kulturschaffende verstehen. Sie
wollen die Nation verkörpern. Ihnen falle die sinngebende Aufgabe zu: Denn wo
käme man hin, wenn nur die Künstler, dieses kaum zu organisierende Völkchen,
das nationale Sagen hätten. Ich höre rufen: »Diese Freischaffenden! Diese
Sozialfälle! Traumtänzer! Mit ihrer ewigen Extratour. Die sollen nur nicht so
tun, als hätten sie die Kultur gepachtet. Was heute in unserer so oder so
demokratischen Massengesellschaft zählt, sind unsere innerbetrieblichen wie
freizeitadäquaten Subkulturen, die subventionierte Basiskultur ‑
verstanden! ‑ und nicht diese elitäre Überbauscheiße.«
Womit meine Idee, die, zugegeben, für nur
achtzig Millionen Deutsche geschneidert war, im Eimer ist. Notgedrungen
überlasse ich eine Milliarde Deutsche ihrer Unruhe und ihrem beunruhigenden
40
Selbstfindungsprozeß. Teils forsch, teils
schwermütig singend, verkrümelt sich die deutsche Masse im Ungefähren.
Immerhin bleiben mir Harm und Dörte.
Beide sind übersichtlich. Ihr Problem ist mir als Kopfgeburt sicher. Jetzt, kurz
vor der Landung, nimmt sie, wider alle beschworene Absicht: das Kind Ja! ‑
die Pille: das Kind Nein! ‑ Und jetzt landen sie endlich in Bombay mit einem Kilo
deutscher Leberwurst im Handgepäck.
Weil aber dem Entschluß,
die beiden endlich landen zu lassen, noch immer Bedenken querliegen, die auf
Details bestehen und in erster Fassung sprachlos waren, sei hier in dritter
Fassung erwogen, die grobe Leberwurst nicht bei
irgendeinem Metzger der knapp vierunddreißigtausend Einwohner zählenden Stadt
Itzehoe zu kaufen, sondern bei Feinkost‑Kruse in der Kirchstraße, Sankt
Laurentius gegenüber; von dort ist es nur wenige Schritte zur Buchhandlung
Gerbers, in der Harm seine Krimis, Dörte Einschlägiges über »Sanfte Energie«
kauft.
In und hinter zwei überreichen
Schaufenstern wird Feinkost‑Kruse von zwei weißgekittelten Brüdern
allzeit gutsortiert gehalten. Das Angebot könnte Harm verführen,
außer der groben Leberwurst eine geräucherte Gänsebrust
auswiegen zu lassen, aber es bleibt bei der handlungsträchtigen Wurst. Bei
Gerbers könnte Dörte, außer nach Taschenbüchern über Indien und Indonesien,
nach exotischer Unterhaltungsliteratur fragen und von Herrn Gerbers persönlich
auf Vicki Baums »Liebe und Tod auf Ball« aufmerksam gemacht werden; aber es
bleibt bei statistischem Material, weil
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der Roman erst später ins Spiel kommen
soll. Und von Itzehoe läßt sich sagen, daß diese Stadt nur uneigentlich an der
Stör liegt, denn im Jahr 74 ließen die Stadtväter, nach einem Anfall
planerischen Wahnsinns, die Störschleife inmitten der Neustadt zuschütten.
Außerdem spricht für Feinkost‑Kruse, daß von der Kirchstraße die Feldschmiede
als Fußgängerzone abzweigt. Dort sieht man gelegentlich den Genossen Harm
Peters mit anderen Genossen (Erich Steppuhn) den »Rotfuchs«,
die Zeitung der Itzehoer SPD,
verteilen. Und in der Fußgängerzone Feldschmiede, die auf das Holstein‑Center
zuläuft, sollen während der herbstlichen Wahlkampfphase Diskussionen mit
Bürgern stattfinden.
Harm gehört zur Rotfuchs‑Redaktion. Dörte kauft
bei Gerbers mehr ein, als sie lesen wird. Itzehoe wurde 1238 gegründet. Und das
Kilo deutsche
Leberwurst im Handgepäck, das bei Feinkost‑Kruse
gekauft wurde und nun mit Harm und Dörte in Bombay landet, ist wirklich eine
Delikatesse.
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Abermals Einspruch: noch immer kreisen sie über Bombay ohne
Landeerlaubnis, weil ich einzurücken vergaß, was auf meinen Notizzetteln steht
und vor dem Abflug hätte bedacht werden müssen: die Zukunft.
Da Harm und Dörte Peters erst nach Beginn der Sommerferien reisen, ist die
Landtagswahl in Nordrhein‑Westfalen schon Anfang Mai zu
Resultaten gekommen, die meinem fliegenden Lehrerpaar bekannt sind, die aber
ich nicht kenne und kaum schätzen kann; wie mir, während ich schreibe, die
Ergebnisse der Landtagswahl in Baden‑Württemberg (Mitte März) offen sind.
Als Werte hinterm Komma kichern Prozente. Das demokratische Rosenkranzbeten.
Das Wenn vor dem Aber. So foppt mich die Zukunft. Wie soll ich im November
wissen, ob die Grünen im März über fünf Prozent kommen, im Mal unter drei
Prozent bleiben werden? Schaffen sie in NRW mehr, fallen die dort schon immer
schwachen Freidemokraten raus; am Ende könnte zugunsten der CDU die absolute
Mehrheit der Mandate unterm Strich stehen.
Also müssen die Grünen ‑
bitte nicht bös sein ‑ mit schmalhansigen Argumenten unter drei Prozent
gestreichelt werden, damit die Sonthofener Hoffnung auf die Vierte Partei nicht
schon im Vorwahlkampf aufgeht. Doch angenommen: die Grünen bleiben bei zwei
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Prozent hängen, die F.D.P. hält
sich bei fünfkommasechs und bildet in Düsseldorf abermals mit den
Sozialdemokraten eine Koalition: wird Strauß dann nicht das Handtuch werfen,
irgendwas wie »Man liebt mich nicht« murmeln und nach Alaska auswandern?
O Zukunft! was täten wir ohne ihn? Wer könnte
seine Wortwörtlichkeiten ersetzen? Mit wem ließen sich fortan unsere Alpträume
bebildern? Wie soll ich meine »Kopfgeburten« ohne ihn weitertreiben? Die
Zukunft im Kaffeesatz. Was weiß ich. Was kann ich schon wissen. Ich nehme
einfach an: NRW hält sich, Strauß tritt nicht ab, noch ist alles offen, und Harm und
Dörte fliegen (und landen endlich) mit der Gewißheit, ihn,
den hausgemachten Apokalyptiker, im Spätsommer, wenn sie heimkehren, putzmunter
zu finden.
Warum Bombay? Natürlich könnten Harm und Dörte
erste Station auch in Thailand machen; Charterflüge nutzen oft Umwege. Sogleich
nach der Paßkontrolle könnte der Reiseleiter, Dr. Wenthien, die kleine Gruppe in
Empfang nehmen und seinen Satz »Asien ist anders« zum ersten Mal wirken lassen.
Da unser Lehrerpaar sich fleißig vorinformiert hat und die »Sisyphos‑Kontrastangebote«
wahrnehmen will, möchte es nicht nur kunsthistorische Sehenswürdigkeiten
(Tempel, Tempel!), Bangkoks pikaresken Diebsmarkt und ; eine Bootsfahrt auf den
Khlon erleben, sondern auch Khlong Toel, den im Reiseprospekt angezeigten Slum
in Hafennähe, besichtigen, was Dr. Wenthien, mit Hinweis auf ein »kleines
Zugeld bei einheimischer
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Führung«, für möglich hält und des sozialen Wirklichkeitsgehaltes wegen für
interessant erklärt: »Aber bitte festes Schuhzeug anziehen!«
Allerdings rät Wenthien davon ab, die im
»Sisyphos«Angebot enthaltene Möglichkeit, in einem echten Slum inmitten einer
normalen Slumgroßfamille zu übernachten, schon jetzt auszuleben: »Nicht wahr,
wir sind ja kaum angekommen. Und das Klima macht Ihnen, wie ich sehe, selbst
hier auf der schattigen Hotelterrasse zu schaffen.«
Natürlich könnten Harm und Dörte Peters in Bombay
erste Station machen. Und erstmals hier zur Stelle, könnte ihnen Dr. Wenthien,
der überall ortskundig ist, neben den im Prospekt angeführten
Sehenswürdigkeiten (darunter der Tempel der Parsen‑Sekte) den gleichfalls
von »Sisyphos« angebotenen, am Meer gelegenen Großslum »Cheetah‑Camp«
empfehlen. Mit drei anderen Reisegruppenmitgliedern besichtigen sie (nach
Zahlung des üblichen, wenn auch im Prospekt verschwiegenen Draufgeldes) bei
dreiunddreißig Grad im Schatten zwei Stunden lang das weiträumige Elend,
nachdem ihnen Dr. Wenthien während der Hinfahrt in einem »Sisyphos«‑Kleinbus
die Geschichte des Slums, der vor wenigen Jahren noch »Janatha‑Colony«
geheißen und in Nachbarschaft des indischen Atomforschungszentrums seinen Platz
gehabt hatte, in allen Phasen erklärt hat: »Das ging natürlich nicht auf Dauer.
Zum Sicherheitsrisiko erklärt, wurde das Slumgebiet kurzerhand von Bulldozern
planiert. Ruckzuck wurde den siebzigtausend Slumbewohnern ein während der
Monsunzeit oft überflutetes Areal, Cheetah-
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Camp, angewiesen. Leider in unmittelbarer
Nachbarschaft zum Arsenalgelände der indischen Kriegsmarine, so daß sich
abermals die Sicherheitsfrage stellt. Abfall, Ausschuß. Sie sehen, auch Indien
hat seine Entsorgungsprobleme.«
Auf Dörtes, wie Harm hinterher fand, naive Frage, ob man denn auf dem
freigewordenen Janatha‑Gelände inzwischen menschenwürdige Wohnungen
gebaut habe, gibt Dr. Wenthien nahezu belustigt Bescheid: »Wo denken Sie hin!
Heute befindet sich dort ein Freizeitpark der indischen Atomforschungsbehörde
mit Swimming‑pool, Golfplatz und Kulturzentrum. Das ist nun mal so.
Überall macht sich der Fortschritt breit. Auch hierzulande sind die Eliten
nicht frei von Ansprüchen.«
Jedenfalls könnten die beiden in
Khlong Toel oder Cheetah‑Camp, im einen, im anderen Slum ihren ersten
Schock erleben oder den ersten in Bombay und den zweiten (samt
gebührenpflichtiger Slumübernachtung) in Bangkok. Wie beim Wettlauf zwischen
Hase und Igel ist Dr. Wenthien immer schon da, wo immer sie landen. Sobald die
Gruppe nach dem Frühstück das Tagesprogramm mit seiner Hilfe festlegt, spricht
er deutsch, als stamme er aus Hannover. Im Großslum Cheetah‑Camp
übersetzt er ihre Fragen in Hindi und ist, sobald die zumeist kastenlosen, das
heißt unberührbaren Slumbewohner antworten, einiger Dialekte und des
südindischen Tamil mächtig. So erfahren Dörte und Harm, daß fast alle Kinder
verwurmt sind und daß die Slumbewohner ihr Wasser in Kanistern kaufen müssen,
da Cheetah‑Camp nicht an die städtische Wasserversorgung angeschlossen
ist.
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Weil Dr. Wenthien auch die Sprache der Thai
beherrscht, könnte er die beiden, nachdem sie sich akklimatisiert haben, bei
einer Thaifamilie im Slum Khlong Toei als Eintagsgäste einquartieren. Es sind
wahre Erlebnisse, die er vermittelt. Sowas vergißt man nicht: den stehenden
Gestank der Sumpfkloake über dem aufgepfählten Bretterbudengewirr, die Fliegen,
die Ratten, die Enge und die Gastfreundschaft der zwölfköpfig heiteren Familie,
deren Nachbarn übrigens, bei Schmälerung ihrer Rationen, ein Baby fett und rund
mästen, damit es bei einem Baby‑Schönheitswettbewerb, den eine führende
Tageszeitung ausgeschrieben hat, preiswürdig wird. Harm darf das Baby
mit seiner Superacht filmen. Nach der Zahl ihrer Kinder befragt, versuchen die
beiden, ihren Gastgebern in einfachem Englisch und mit Gesten ihr Problem ‑
das Kind Ja, das Kind Nein ‑ zu erklären. Die Kinderreichen verstehen
nichts, aber sie staunen.
Und Dörte führt schlaflos Tagebuch. Bei
Taschenlampenlicht schreibt sie: »Am meisten schockt mich die Heiterkeit der
Elenden. Immer haben sie was zu lachen. Dieser Wenthien ist widerlich, aber
versteht sein Geschäft. Natürlich ist das zynisch, was wir machen. Aber unsere
Pensionsgebühr ‑ lumpige zehn Demark pro Nase ‑ hilft der Familie
einen halben Monat lang über die Runden. Eigentlich müßten alle unsere
Konsumdemokraten mal ein zwei Nächte in einem Slum übernachten, um ihren
verdammten Überfluß endlich satt zu kriegen ... «
Aber froh sind Harm und
Dörte doch, als sie wieder ins
klimatisierte Hotel, auf ein richtiges Klo, unter die
47
Dusche, an
den Kühlschrank mit den Drinks dürfen. Weil sie als einzige ihrer
Gruppe das »Sisyphos«‑Übernachtungsangebot wahrgenommen haben, gratuliert
ihnen Dr. Wenthien zu ihrem »wirklichkeitsfreudigen Mut«. Selbstverständlich
war man kein Risiko eingegangen. Wenthien hatte die beiden mit keimfreiem
Hotelwasser in Flaschen, mit immunisierenden Tabletten, mit Keksen und in
Klarsichtfolie verpacktem Obst versorgt. (Vor einigen Jahren noch hat er
mittelständische deutsche Herren so ausgerüstet in Bangkoks Bordellen
abgeliefert.)
Bei dieser Gelegenheit ‑ kaum aus dem Slum
zurück: der Griff in die Kühlbox ‑ sollte gezeigt werden, daß Harm die
ausgeflogene, luftdicht eingeschweißte Leberwurst zwischen
Exportbier deponiert hat. Und da wir unseren Film
im Wahljahr
drehen wollen, könnte Dr. Wenthien schon in Bombay oder nach der
Slumübernachtung (oder erst zwischen balinesischen Sehenswürdigkeiten) auf
seine maliziös verkniffene Art die beiden Holsteiner nach den Wahlchancen des
Kanzlerkandidaten fragen: »Wie ich höre, sind Sie politisch aktiv. Wird nun die
Bajuwarisierung Deutschlands erste Erfolge zeigen? Sie wissen ja, seit dem
Dreißigjährigen Krieg sind einige Innerdeutsche Rechnungen noch immer nicht
beglichen.«
Oder lassen wir Indien, Thailand, Java und Bali und drehen wir den Film, ganz
ohne Dr. Wenthien, unter einheimischer Reiseleitung in der Volksrepublik China,
falls wir dort drehen dürfen. Doch das gäbe, bei bleibendem Titel und mal
bejahtem, mal verneintem Kind, dennoch einen ganz anderen Film.
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Keine Slums in Peking, Shanghai, Kwelin, Kanton. Erst Hongkong zeigt
wieder, was der Westen sich leistet: den Gottgehwollteen, allsonntäglich
gesegneten Unterschied. Himmellästernden Reichtum neben Armut, die sich in käfigartigen
Slums verkriecht. Das marktbeherrschende Recht des Stärkeren. Die Hölle (und
ihre Betreiber) auf Erden. Das gegenwärtige Welttheater: verlumpte Komparsen
und eine adrette Polizei.
In der Volksrepublik China fehlt dieser Gegensatz,
ohne daß alles gleich, gleichförmig ist. Urgroßvaters Devise »Arm, aber
sauber!« könnte auf Spruchbändern vorherrschen, gäbe es nicht jene haushohen
Schautafeln, auf denen die »Vier Modernisierungen« erschreckend fröhlich
Zukunft bebildern: computergläubig, raketengeil, zuwachssüchtig. Sie haben den
Großen Sprung, die Hundert Blumen, die Kulturrevolution samt Viererbande hinter
sich, wurden zurückgeworfen, holten sich mühsam ein, versetzten Berge, hielten
den Hunger klein, liquidierten sich, nahmen dennoch an Zahl zu, werden
demnächst eine Milliarde zählen, ohne die Anbauflächen für Reis, Weizen, Hirse,
Mais und Sojabohnen entsprechend vergrößern zu können. Sie zeigen sich jetzt
dem Westen in ihrem Zustand und wollen ‑ das sagt jeder Chinese höflich
zweideutig ‑ vom Westen lernen. Dabei könnten (sollten) wir lernen.
Aber der westliche Hochmut ist (außer an
Geschäften) nur am schwankenden Maß der chinesischen Liberalisierung
interessiert. Was wir für freiheitlich halten. »Stern«‑ und »Spiegel«‑Reporter
zählen Mädchen in Röcken, Dauerwellenköpfe, Lippenstiftspuren und
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ähnliche Attribute westlicher Liberalität,
fotografieren sie ab, vertexten sie und lassen ihre vorgefaßte Meinung zur
falschen Information gerinnen. Wäre es nicht genauer und deshalb gerechter, das
Chinesische Volk und seine Gesellschaftsordnung am Zustand jener Staaten der
Dritten Welt zu messen, die sich dem westlichen Liberalismus in Gestalt seines
Wirtschaftssystems ausgesetzt haben und deren traurige Rekorde Landflucht und
Verslumung, Raubbau und Verkarstung, Unterernährung und Hunger, Luxus und
Elend, staatliche Willkür und, alles überragend: Korruption heißen?
Sollte unser Lehrerpaar aus Itzehoe an der Stör (im Film wie in
Wirklichkeit) China bereisen, müßte es vorher die indischen Großslums gerochen,
den hungernden Nordosten Thailands gesehen, das Indonesische Korruptionswesen
erahnt und überall dort die zerstörende Kraft und den leistungsfähigen Fluch
des westlichen,
von Japan gestärkten Wirtschaftssystems erkannt haben: die freien Marktzwänge,
den Fortschritt um jeden Preis, die Schweizer Fluchtkonten, den Zuwachs an
Elend.
Natürlich würden Dörte und Harm Peters,
die auch in China nicht wüßten, ob sie ein Kind in die Welt setzen sollen, in
Indien, Thailand und Indonesien allzu schnell ihr Vorwissen mit dem Wort Neo‑Kolonialismus
bestätigen. „Da, da!“ ruft Harm. „Überall mischen sie mit: Siemens und
Unilever...“ Zudem geben der
indische Fatalismus, die Javanische Sanftmut und das unbekümmerte Lachen der
Thai nach bloßem Augenschein Erklärungen ab, mit denen sich
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reisen läßt. „Mein Gott“, ruft Dörte, „wie man
hier ohne unseren Sicherheitstick in den Tag hinein lebt!“ Doch die Regierungen
aller drei Staaten sind souverän. Sie üben ihre Herrschaft weder fatalistisch
noch mit Sanftmut aus und gewiß nicht unbekümmert in den Tag hinein, sondern
mit Polizei‑ und Armeegewalt, mit Kastendünkel und Korruption, mit allen
Machtinstrumenten, die einheimisch überliefert sind oder aus westlichen
Arsenalen freihaus geschenkt wurden.
„Naja“, sagt Dörte Peters, „an unserem
Demokratieverständnis dürfen wir die Zustände hier nicht messen.“
„Das ist doch klar“, sagt Harm Peters, „mit dem Hinduismus wäre auch Mao nicht
fertig geworden.“ Ihn interessiert das Soziale: von jedermann will er den
Stunden‑ oder Wochenlohn wissen; sie möchte schulische Fakten in ihrem
Tagebuch sammeln. Beide sagen: „Bevor wir hier Meinungsfreiheit fordern,
sollten wir lieber zu Hause ... “
Diese Ansichten vertreten auch andere
Mitreisende. Und Dr. Wenthien, der allabendlich dazu neigt, bei einem Glas
Orangensaft seinen Überblick preiszugeben, belehrt seine kleine und
mittlerweile leicht irritierte Reisegruppe: „So traurig und in unserem
westlichen Sinn hilfsbedürftig das alles anmutet, von hier aus wird sich die
Zukunft unseres Planeten bestimmen. Von hier aus werden uns, den von
Menschenrechten faselnden Plappermäulchen, die neuen Menschenrechte diktiert
werden. Europas Hunger nach den Geheimnissen Asiens wird, ich bin sicher, für
immer gestillt werden. Alle Dämonen und Geister ‑ Sie
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dürfen mir glauben, es gibt sie ‑ werden
über uns kommen.“
Das sagt Wenthien, bevor sie ihren letzten Tag auf
indischem Boden nach allgemeinem Wunsch außerhalb Bombays, nahbei einem
Fischerdorf verbringen. Es soll erholsam werden und beginnt auch ländlich
friedlich. Mit altmodischer, vieler Fotos würdiger Fähre werden sie auf die
Fischerinsel Manor gebracht. Auf Ochsenkarren verladen, fotografieren sie über
den Rücken der schöngehörnten Zugtiere hinweg den Weg zu ihrem einfachen, aber
sauberen Hüttenhotel.
„Endlich
mal kein Aircondition!“ ruft Dörte.
„Endlich das Meer!“ ruft Harm.
Und Palmen, die man himmelwärts fotografieren
kann. Und ein weiter Sandstrand, auf dem eine angeschwemmte Schildkröte zum
Foto wird. Und einheimische Frauen, die junge Kokosnüsse und Tee servieren. Ihr Tuchgewand haben sie zwischen den Beinen
geknotet; doch zögert Harm, das betonte Gehen zu fotografieren. Auf dem Weg den
Strand entlang zum Fischerdorf – „Aber bitte bekleidet!“ mahnt Dr. Wenthien ‑ will Dörte
plötzlich, weil die Natur, die Palmen, das Meer, die tote Schildkröte, die
seltsam geknoteten Frauen ihr zureden – „Das macht mich hier alles irgendwie
an!“ ‑nun doch das Kind: „Unser Kind, hörst du? Man muß es wollen und
sich nicht bloß ausdenken. Mit dem Bauch, nicht nur mit dem Kopf wollen.
Kreatürlich sein, hörst du?“
Aber Harm, der zugibt, daß auch ihn das alles – „na, der
ganze Zauber hier!“ ‑ ziemlich anmache, will sei
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nen Kopf nicht auf Urlaub schicken. „Angenommen“,
sagt er, „wir kriegen das Kind. Und angenommen, es kommt gesund auf die Welt.
Und angenommen, es wächst sogar ohne die üblichen Frühschäden auf. Und
angenommen, wir kümmern uns wirklich, soweit wir uns beruflich freistellen
können, um unser Wunschkind: Es geht trotzdem schief. Ich sage dir, die Umwelt,
unser Schulsystem, der Fernsehzwang, alles, überhaupt alles wird unser Kind
verbiegen, wird es normen. Wie wir inzwischen verbogen, genormt sind. Und dann
die neuen Technologien! Stell dir vor, unser Kind wird an den Schulcomputer
angeschlossen. Nicht alleine natürlich, die ganze Klasse, alle Schulpflichtigen
werden, na, sagen wir, ab Ende der achtziger Jahre nicht mehr altmodisch, durch
viel zu teure und nur schwer zu kontrollierende Humanlehrkräfte, sondern durch
staatlich programmierte Lehrcomputer unterrichtet: direkt in die Hirnzellen der
lieben Kleinen: Tickeditack! Schluß mit dem blöden Büffeln. Kleines und großes
Einmaleins? Sitzt in einer halben Stunde. Tickeditack! Die Englischen
unregelmäßigen Verben? Ein Zehnminutenprogramm. Tickeditack! Vokabelhefte
führen? Daß ich nicht lache. Alles besorgen die handlichen
Kinderschlafzimmercomputer. Im Schlaf lernen, das ist die Zukunft! Und die
Kleinen mit ihren Daten, Zahlen, Formeln, Verben speichernden Hirnen werden
alles und nichts wissen. Und wir, Mutter Dörte, Vater Harm, werden blöd
dastehen, mit nichts als überflüssigen Erinnerungen, Halbkenntnissen und
moralischen Bedenken im Kopf. Und solch ein Kind, frag ich dich, willst du
verantworten?“
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Da sind sie schön, von Harms Rede getrieben, mitten im Dorf, wenn
das Dorf eine Mitte hat. Bruchbuden, Lehmhütten. Was die Netze bringen,
fingerlange Fischlein und kleineres Zeug, trocknet auf harten Böden, an zu
Wänden aufgestocktem Gestänge. Den Fischern gehören weder die Boote noch die
Netze noch das Fischzeug noch die Mühle, in der das Fischzeug zu Fischmehl
gemahlen wird. Fünftausend Menschen soll das Dorf zählen, darunter dreitausend
Kinder. Verwürmte, offensichtlich kranke, von Augenschäden gezeichnete Kinder.
Sie betteln nicht, lachen, spielen nicht, sind nur still und überzählig.
Dörte, die vorhin noch, angemacht von soviel Natur, ein Kind, ganz kreatürlich
ein Kind wollte, sagt auf dem Rückweg: „Die Kinder im Slum waren lustiger.“
Abends, auf der Terrasse des bescheidenen
Hüttenhotels, hält Dr. Wenthien seiner Reisegruppe einen kleinen Vortrag über
das indische Fischereiwesen: „Nichts bringt das. Dabei ist der Indische Ozean,
bis auf die leergefischten Küstengewässer, überaus fischreich und könnte, wenn
man die Hochseefischerei entwickeln wollte, den chronischen Proteinmangel der
überwiegend vegetarisch lebenden Bevölkerung beheben: längs der Küste, und wenn
man Tiefkühlketten einrichten würde, bis ins Land hinein. Aber die Inder, nun
ja. Die können sich nur vermehren. 57 000 Babys pro Tag. Jeden Monat zählen wir
eine Million Inder mehr. Hier müßten mal die Chinesen ihre Ordnung entfalten.“
Als Dörte nachts unter dem Moskitonetz noch
einmal auf das Kind zurückkommt und Wenthiens bei-
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spielhafte Chinesen zitiert: „Die Einkindehe wird
sogar in der Volksrepublik gefördert“, schreit Harm: „Nein! Nein! Sollen sie
doch aussterben, die Deutschen, von mir aus.“
Wäre das denn so schlimm? Sind nicht viele große
Kulturvölker nur noch in Museen bestaunenswert? Die Hethiter, Sumerer, die
Azteken? Ist keine Welt vorstellbar, in der tausendjahre später die Kinder
einer neu sich heranbildenden Völkerschaft vor Glaskästen stehen und staunen: über
die Wohnkultur und über die Eßgewohnheiten der Deutschen? Über ihren
unbeirrbaren Fleiß? Über ihren Hang, alles, sogar ihre Träume zu ordnen? Und
könnte nicht die deutsche Sprache, wie heute das Latein der Römer, zur töten,
aber doch zitierbaren Sprache werden? Könnten nicht Politiker, die gegenwärtig
ihre ausufernden Reden mit lateinischer Sprachweisheit zieren, in gut tausend
Jahren ihren Redefluß mit Hölderlin‑Zitaten – „So kam ich unter die
Deutschen ... „ ‑ interessant machen: „. . . ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener
wäre? Und kann es nicht sein, daß erst nach dem Aussterben der Deutschen, ja,
dank ihres Unterganges, die deutsche Kultur (und in ihr die Literatur) als ein
vielfältiges Ganzes sichtbar und deshalb kostbar gehalten wird?“ „Nein“, könnte
es rückwirkend heißen, „sie wären keine nur kriegerischen, nur dumpf Erwerb
suchenden, nur funktionierenden Barbaren ... „
Ich schreibe ins Blaue. Wo immer wir Station machten, schrieb ich
gutgläubig auf meine Einreisekarte in die
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Rubrik Beruf: Schriftsteller. Ein Beruf
mit Herkommen, wenn am Anfang das Wort gewesen sein soll. Ei schöner,
gefährlicher, anmaßender, ein zweifelhafte Beruf, der sich leicht vergleichende
Umschreibungen einhandelt. Irgendein DDR‑Bonze, ein chinesische
Rotgardist, dazumal Goebbels hätten sagen können was Franzjosef Strauß auf
deutsch, nicht etwa sei Latein bemühend, vor einem Jahr gesagt hat. „Ratte und
Schmeißfliegen“ hat er die Schriftsteller genannt. (Später stritt man darüber,
ob er und seine Nachredner nur einige und nicht alle gemeint hätten.)
Auch wenn in China sein Name nicht fiel, war doch
sobald es um einen bestimmten, sich weltweit angleichenden Sprachgebrauch ging,
von ihm die Rede. Die chinesischen Schriftsteller kennen jene erbärmliche
Macht, die ihre Feinde mit Nagern und Insekten vergleicht und das Mittel zur
Ausrottung bereithält. Sie sprachen eher zurückhaltend, als müßten sie eigene
Schande berichten, von ihren Leiden während de schlimmen Jahre: Kerkerhaft,
Stockschläge, Schreib verbot, öffentliche Zurschaustellung, Latrinendienst. Das
sei nun vorbei, werde aber nachwirken. Weshalb man die neue, noch an Form arme,
sich unsicher meldende Literatur die ‚Wundenliteratur‘ nenne.
Sie fragten nach den ostdeutschen Kollegen. (Ein
älterer Herr der Pekinger Runde hatte vor Jahren au einem Kongreß mit Anna
Seghers gesprochen.) Ich erzählte, wie wir uns regelmäßig ‑ vier fünf
Westberliner Autoren, sieben acht Ostberliner Autoren ‑ von 1973 bis 77
in wechselnden Ostberliner Wohnungen getroffen, uns aus Manuskripten
vorgelesen, unsere
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geteilte Lage und doch immer noch
gemeinsame Sprache beklagt und gefeiert haben. Ich sagte: „Etwa
alle drei Monate. Ja, bei Bier und Kartoffelsalat. Die Frau des Gastgebers zog,
als zöge sie ein Los, Zettel aus einer Mütze, auf denen die Namen der
Vorlesenden standen. Natürlich sind wir bespitzelt worden. Das ging, solange es
ging. Dann begannen die Ausbürgerungen. Mit Biermann fing es an.“
Ich nannte die Namen und Buchtitel jener Schriftsteller, die nun im Westen
leben und doch wie zwischen den Staaten: dem einen, dem anderen Deutschland
Stachel im Fleisch. Und in Shanghai, wo ich abermals zwischen Kollegen saß, war
auch ihnen jedes Detail wichtig: die Grenzkontrollen,
die Winkelzüge der Zensur, den west‑östlichen Sprachgebrauch im Umgang
mit Schriftstellern. Was alles uns betrifft, die unruhig seßhaften
Nestbeschmutzer.
Das war nicht fremd oder zu weit weg. Die
chinesischen Schriftsteller kennen die ideologische Blendung, die Ende des
Dogmas. Wie verächtlich sich Mächtige aussprechen, ist ihrem Gedächtnis
eingeschrieben. Nur die Wörter „Ratten und Schmeißfliegen“, nicht deren
vernichtungsträchtiger Sinn, müßten ihnen übersetzt werden. Sie sagten: „Sogar
unsere Klassiker traf es. Jetzt müssen wir sie den
Jungen, die wenig wissen, wie Neuentdecktes bekannt machen.“
Unser Gespräch lief, während wir in feierlicher, anfangs zeremonieller Runde
saßen. Es ging nicht ohne Tischreden ab. (Gerne hätte ich Gedichte von Kunert
und Born gelesen.) Wir aßen mit Stäbchen süßsaure Seegurken, Pekingente und
gelierte hundertjährige
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Eier. Wir tranken sechzigprozentigen Hirseschnaps.
Worauf tranken wir? Da häufig nachgegossen wurde, tranken wir auf die
Widersprüche, auf die immer anders bestrittene Wahrheit, natürlich auch (was
immer das sein sollte) auf das Wohl des Volkes, auf das weiße, nach Wörtern
schreiende, noch unbefleckte, zu befleckende Papier. Und wir tranken auf uns,
die Ratten und Schmeißfliegen.
Auf meinen Zetteln
für die ‚Kopfgeburten‘ steht zwischen Notizen die eingeklammerte Notiz: (Bevor das
Lehrerpaar abreist oder nachdem es Ende August nach Itzehoe
zurückkommt, sagt Dörte Peters: „Noch nicht, Harm. Wir müssen den
Wahlausgang abwarten. Unter Strauß setz ich kein Kind in die
Welt.“) ‑ Einfach lächerlich. Dieser Vorwand soll ihr genommen werden.
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