Farben und Sacherklärung : 

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Zufuß zwischen Radfahrern, die sich in Haltung, Kleidung unendlich wiederholen, mitten im Radfahrerdschungel, in Shanghai, jener Stadt, in der elf von neunhundertfünfzig Millionen Chinesen leben, fremd in der Masse, fiel uns plötzlich als Spekulation eine Umkehrung an: in Zukunft habe die Welt mit neunhundertfünfzig Millionen Deutschen zu rechnen, während das chinesische Volk, nach Zählung der in zwei Staaten lebenden Deutschen, mit knapp achtzig Millionen Chinesen zu beziffern sei. Sogleich zwang sich mir eine deutschstämmige Zwischenrechnung auf, nach der, zur deutschen Masse gehörend, über hundert Millionen Sachsen und hundertzwanzig Millionen Schwaben auszögen, der Welt ihren gebündelten Fleiß anzudienen.

 

Wir erschraken inmitten der Radfahrervölker. Kann man sich das ausdenken? Darf man sich das ausdenken? Ist diese Welt vorstellbar: bevölkert von neunhundertfünfzig Millionen Deutschen, die sich, bei strikt eingehaltener Zuwachsrate von nur 1,2 %, dennoch bis zum Jahre 2ooo auf über eine Milliarde und zweihundert Millionen Deutsche auswachsen? Wäre der Welt das zuzumuten? Müßte die Welt sich nicht (aber wie?) dieser Zahl erwehren? Oder könnte die Welt so viele Deutsche (Sachsen und Schwaben inbegriffen) ertragen, wie sie zur Zeit über neunhundertfünfzig Millionen Chinesen erträgt?

 

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Und was wäre als Ursache dieser Ausgeburt triftig? Unter welchen Voraussetzungen, nach welchem Endsieg hätten sich die Deutschen so erschreckend vermehren können? Durch Einordnen, Eindeutschen, durch Mutterkult und Lebensborn?

 

Um mich nicht weiter in Schlußfolgerungen zu verlieren, beruhige ich uns mit dem Gedanken: Es ließe sich, bei Wiederbelebung preußischer Traditionen, eine Milliarde Deutsche immerhin verwalten, wie die chinesische Beamtentradition ihrer Masse, trotz revolutionärer Schuhe, Verwaltung garantiert.

 

Dann mußten Ute und ich wieder auf die Wirklichkeit, den Radfahrerverkehr achten. (Nur knapp gelang es mir, die Epiphanie zu vermeiden, inmitten deutscher Radfahrervölker zufuß bestehen zu müssen. Heil entkamen wir dem Verkehr und weiteren Erscheinungen, die uns hätten verstören können.) Doch als unsere Monatsreise uns von China her über Singapore, Manila und Kalro wieder nach München, Hamburg, Berlin brachte, war die deutsche Wirklichkeit gleichfalls von Spekulationen durchsetzt, diesmal von rückläufigen.

 

Um Stellen hinterm Komma wurde gestritten. Die christliche Opposition warf der Regierung vor, sie hindere die Deutschen, sich ordentlich zu vermehren. Sozialliberale Mißwirtschaft lasse die Menschenproduktion stagnieren. Schwund drohe dem deutschen Volk. Nur noch mit Hilfe der Ausländer gelinge es, sechzig Millionen zu bleiben. Das sei eine Schande. Denn wenn man von den Ausländern absehe ‑ was nur natürlich sei und selbstverständlich sein sollte -,

 

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ließe sich das vorerst noch langsame, dann immer raschere Vergreisen, schließlich das Hinwegschwinden der Deutschen vorausberechnen, wie man ja andererseits den Millionenzuwachs der chinesischen Bevölkerung statistisch vorgewußt und bis zum Jahr 2ooo hochgerechnet habe.

 

Es mag sein, daß jener hohe Staatsbesuch aus der Volksrepublik China, der sich mit der Bundestags‑ und Öffentlichkeitsdebatte über den deutschen Bevölkerungsschwund gleichzeitig hinzog, die Ängste der Opposition gefördert hat. Nun macht sie Angst. Und da die Angst in Deutschland immer gute Zuwachsraten gehabt hat und sich schneller als die Chinesen vermehrt, ist sie angstmachenden Politikern zum Programm geworden.

 

Die Deutschen sterben aus. Ein Raum ohne Volk.  Kann man sich das vorstellen? Darf man sich das vorstellen? Wie sähe die Welt aus, gäbe es keine Deutschen mehr? Was finge die Welt mit sich an ohne die Deutschen? Müßte sie fortan am chinesischen Wesen genesen? Ginge den Völkern ohne die deutsche Zutat das Salz aus? Hätte die Welt ohne uns noch irgendeinen Sinn oder Geschmack? Müßte die Welt sich nicht neue Deutsche erfinden, inbegriffen Sachsen und Schwaben? Und wären die ausgestorbenen Deutschen im Rückblick faßlicher, weil nun in Vitrinen zur Ansicht gebracht: endlich von keiner Unruhe mehr bewegt?

 

Und weiter gefragt: gehört nicht Größe dazu, sich aus der Geschichte zu nehmen, dem Zuwachs zu entraten und nur noch Lehrstoff für jüngere Völker zu sein?

 

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Da diese Spekulation langlebig zu sein verspricht, ist sie mir Thema geworden. Ich weiß noch nicht: wird es ein Buch. oder Film?  “Kopfgeburten” könnte der Film oder das Buch oder beides heißen und sich auf den Gott Zeus berufen, aus dessen Kopf die Göttin Athene geboren wurde; ein Widersinn, der männliche Köpfe heutzutage noch schwängert.

 

Im Reisegepäck hatte ich ein anderes Thema. Auf vierzehn Seiten Manuskript ausgebreitet, lag es obendrein in englischer Fassung bereit: »Die beiden deutschen Literaturen« ‑ oder wie der Untertitel hätte heißen können: »Deutschland ‑ ein literarischer Begriff«. Denn meine These, die ich in Peking, Shanghai und anderenorts vortragen wollte, sagt: Als etwas Gesamtdeutsches läßt sich in beiden deutschen Staaten nur noch die Literatur nachweisen; sie hält sich nicht an die Grenze, so hemmend besonders ihr die Grenze gezogen wurde. Die Deutschen wollen oder dürfen das nicht wissen. Da sie politisch, ideologisch, wirtschaftlich und militärisch mehr gegen‑ als nebeneinander leben, gelingt es ihnen wieder einmal nicht, sich ohne Krampf als Nation zu begreifen: als zwei Staaten einer Nation. Weil sich die beiden Staaten einzig materialistisch hier ausleben, dort definieren, ist ihnen die andere Möglichkeit, Kulturnation zu sein, versperrt. Außer Kapitalismus und Kommunismus fällt ihnen nichts ein. Nur ihre Preise wollen sie vergleichen.

 

Erst neuerdings, seitdem es mit der Zuwachsrate hapert und das liebe Öl nicht mehr fließt, wie es soll, sucht man nach positiven Inhalten: Zukost soll das

 

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leibeigne Vakuum stopfen. Man stochert nach geistigen Werten, die, um intellektuelle Spitzfindigkeiten auszuschließen, Grundwerte genannt werden. Ethik im Schlußverkauf. Tagtäglich kommt ein neuer Christusbegriff auf den Markt. Kultur ist in. Lesungen, Vorträge, Ausstellungen sind überlaufen. Theaterwochen wollen nicht enden. An Musik hört man sich satt. Wie ein Ertrinkender greift der Bürger zum Buch. Und die Schriftsteller des einen, des anderen deutschen Staates sind populärer, als es die Polizei des einen erlauben, die Demoskopie des anderen wahrhaben will; das ängstigt die Dichter.

 

Mit einfachen, vereinfachenden Sätzen wollte ich vom phasenverschobenen Entwicklungsprozeß der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur berichten, von ihrer unbeholfenen Direktheit und kargen Enge. Vor zweihundert (von neunhundertfünfzig Millionen) Chinesen sagte ich dann in Peking: »1945 war Deutschland nicht nur militärisch besiegt. Nicht nur die Städte und Industrieanlagen waren zerstört. Größerer Schaden lag vor: die Ideologie des Nationalsozialismus hatte die deutsche Sprache um ihren Sinn betrogen, hatte sie korrumpiert und in weiten Wortfeldern verwüstet. In dieser verletzten Sprache, alle Beschädigungen mitschleppend, begannen die Schriftsteller mehr zu stammeln als zu schreiben. Gemessen wurde ihre Hilflosigkeit an Thomas Mann, Brecht, an den Riesen der Emigrationsliteratur; gegen deren schon klassische Größe konnte nur Stottern als Form bestehen.«

 

Da sagte einer von den wenigen Chinesen, die sich hatten versammeln dürfen: »So geht es uns heute. Um zehn Jahre hat uns die Viererbande« (er meinte: die Kulturrevolution) »betrogen. Nichts wissen wir. Dumm stehen wir da. Alles, sogar unsere Klassiker waren verboten. Und auch die Sprache haben sie verkrüppelt. Nun beginnen einige Schriftsteller vorsichtig, oder wie Sie sagen, stammelnd, zu erzählen, was wirklich ist. Sie schreiben, was auch verboten war: über Liebe und  so. Natürlich ohne die gewisse Körperlichkeit. Da sind wir noch immer ein bißchen streng. Sie wissen ja, bei uns darf man erst spät heiraten. Natürlich gibt es Gründe dafür: das Bevölkerungsproblem. Wir sind ein bißchen viele geworden, nicht wahr. Und Verhütungsmittel bekommen nur Ehepaare. Niemand hat bisher die Not der jungen Leute beschrieben. Sie haben keinen Platz für sich. Sie dürfen sich nicht haben.«

 

Der das in seinem blauen Zeug sagte, mochte Anfang Dreißig sein. Sein Deutsch hatte er trotz und während der Kulturrevolution aus Lehrbüchern gelernt, die er mit ideologisch üblichen Schutzumschlägen tarnen mußte. Nach dem Fall der »Viererbande« durfte er für ein Jahr nach Heidelberg, wo er seine Kenntnisse auf bundesdeutschen Stand brachte. »Wir, unsere Generation«, sagte er, »ist echt verblödet worden.« Heute ist er Lehrer, der sich weiterbilden will. »Wir lernen jetzt ziemlich viel. Achtunddreißig Unterrichtsstunden die Woche... «

 

Mein Lehrerehepaar ‑ diese Kopfgeburt! ‑ kommt aus Itzehoe, einer Kreisstadt in Holstein, zwischen Marsch und Geest gelegen, mit rückläufiger Einwohnerzahl und wachsenden Sanierungsschäden. Er ist Mitte, sie

 

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Anfang Dreißig. Geboren wurde er in Hademarschen, wo immer noch seine Mutter lebt, sie in der Kremper Marsch, wo ihre Eltern, nach Verkauf des Hofes, ihren Altentell in Krempe bezogen haben. Beide sind anhaltend sich selbst reflektierende Veteranen des Studentenprotestes. In Kiel haben sie sich kennengelernt: bei einem Sit‑in gegen den Vietnamkrieg oder gegen den Springer‑Konzern oder gegen beides. Ich sage vorläufig Kiel. Es hätte auch Hamburg, womöglich Berlin sein können. Vor zehn Jahren wollten sie mit vielen Wörtern »kaputtmachen, was uns kaputtmacht«. Gewalt erlaubten sie sich allenfalls gegen Sachen. Ihre Kulturrevolution ging schneller zu Ende. Deshalb haben sie ihr pädagogisches Studium mit kaum nennenswerter Verzögerung abschließen und nach nur kurzem Hinundher ‑ Partnerwechsel in Wohngemeinschaften ‑ heiraten können: zwar ohne Kirche, doch mit Familie.

 

Das war vor sieben Jahren. Seit fünf und vier Jahren sind beide beamtet im Staatsdienst. Zwei Referendare, dann Assessoren, jetzt Studienräte. Zwei, die sich ziemlich gleichmäßig liebhaben. Ein Paar zum Vorzeigen. Ein Paar zum Verwechseln schön. Ein Paar aus dem gegenwärtigen Bilderbuch. Sie halten sich eine Katze und haben noch immer kein Kind.

 

Nicht, weil es nicht geht oder klappt, sondern weil er, wenn sie »nun endlich doch« ein Kind will, »noch nicht« sagt, sie hingegen wenn er sich ein Kind wünscht ‑ »Ich kann mir das vorstellen; theoretisch« -, wie aufs Stichwort dagegenhält: »Ich nicht. Oder nicht mehr. Man muß das versachlichen, wenn man  verant

 

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wortlich handeln will. In was für eine Zukunft willst du das Kind laufen lassen? Da ist doch keine Perspektive drin. Außerdem gibt es genug davon, zu viele Kinder. In Indien, Mexiko, Ägypten, in China. Guck dir mal die Statistiken an.«

 

Beide unterrichten Fremdsprachen ‑ er Englisch, sie Französisch ‑ in der Kaiser‑Karl‑Schule, kurz KKS genannt, und im Nebenfach Geografie. Die Kaiser‑KarlSchule heißt so, weil Karl der Große im neunten Jahrhundert eine Strafexpedition nach Holstein geschickt hat, die sich etwa da einmauerte, wo heute Itzehoe auseinandergeht. Und weil die beiden besonders gerne Geografie unterrichten, wissen sie auch über Bevölkerungswachstum Bescheid, nicht nur über Flüsse, Gebirge, Bodenbeschaffenheit und Erzvorkommen. Er spricht mit Marx vom kapitalistischen Gesetz der Akkumulation durch Überzähligmachung, sie pocht auf Daten, Kurven, Hochrechnungen: »Hier, der Zuwachs in Südamerika. Überall drei Prozent. In Mexiko sogar fünf. Die fressen das bißchen Fortschritt auf. Und der Papst, dieser Blödmann, verbietet noch immer die Pille.«

 

Sie nimmt sie regelmäßig. Übrigens immer zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde. Eine Schrulle oder schrullige Demonstration ihres rationalisierten Verzichtes. Und so könnten die »Kopfgeburten« als Film anfangen: Totale der Landkarte des indischen Subkontinents. Sie, in Brusthöhe angeschnitten, verdeckt halb den Golf von Bengalen, ganz Kalkutta und Bangladesh, nimmt wie beiläufig die Pille, klappt ein Buch zu (trägt keine Brille) und sagt: »Wir können davon aus

 

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gehen, daß im Bundesstaat Indien die Geburtenkontrolle, im Sinne der angestrebten Familienplanung, gescheitert ist.«

 

Jetzt könnte sie die Bevölkerungszahlen und Überschüsse der Bundesstaaten Bihar, Kerala, Uttar Pradesh abfragen, ohne daß die Klasse ins Bild kommt: die in Zahlen geleierte indische Misere. Der Schulstoff Elend. Die Zukunft.

 

Deshalb sagte ich zu Volker Schlöndorff, den wir mit Margarethe von Trotta in Djakarta und danach in Kairo trafen: »Wir sollten, wenn wir den Film machen, in Indien drehen oder auf Java oder ‑ nachdem ich jetzt dagewesen bin ‑ in China, falls wir da Dreherlaubnis bekommen.«

 

Denn unser Lehrerehepaar soll eine Reise machen, wie Ute und ich, Volker und Margarethe unsere Reisen machen. Und wie wir sollen es fremd dazwischenstehen und schwitzend die Wirklichkeit mit der Statistik vergleichen. Der Luftsprung von Itzehoe nach Bombay. Die Zeitverschiebung. Das Angelesene im Handgepäck. Ihr Vorwissen. Ihre Schutzimpfungen. Der neue Hochmut: Wir kommen, um zu lernen...

 

Dabei riechen sie vordringlich nach Angst. Es könnte beide (wie uns in Shanghai) mitten in Bombay, wo es wimmelt, die Spekulation anfallen: es habe die Welt, anstelle der Inder, mit siebenhundert Millionen Deutschen zu rechnen. Doch diese Zwischengröße paßt nicht zu uns. Sie ist, nach deutschem Maß, nicht spekulativ genug. Wir sterben entweder aus, oder wir werden eine Milliarde zählen. Entweder oder.

 

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Die Schlöndorffs und wir reisen beruflich mit »Goethe«. Trotz dichten Programms ist das einfacher. Sie zeigen ihre Filme, ich lese aus meinen Büchern. Unser Lehrerehepaar will sich in den Ferien informieren, deshalb bucht es bei einem Unternehmen, das laut Prospekt »wirklichkeitsorientierte« Reisen verspricht. Wie es bei »Goethe« läuft, weiß ich; die Reisegesellschaft (und ihr »knallhartes« Programm) muß mir noch einfallen. Wir sind auf die Leiter der Goethe‑Institute angewiesen; unser Lehrerehepaar wird einem angestellten Reisebegleiter folgen, der immer Bescheid weiß: wo man Ganesh‑Figürchen oder javanische Marionetten kaufen kann, daß seitliches Kopfwiegen in Indien Bejahung bedeutet, was man essen soll, was nicht, wieviel Trinkgeld bei Rikschafahrten fällig ist und ob man, wenn sie zu zweit, natürlich in Begleitung eines zu honorierenden Einheimischen, diesen oder jenen Slum besichtigen, auch die Slumbewohner fotografieren darf.

 

Kein Wort über die Leiter der Goethe‑Institute und ihre privaten Verstörungen. Von unserem angestellten Reiseleiter, der für den Film, den wir drehen wollen, Hinduistik studiert hat, läßt sich sagen: er könnte ein vergreistes Babygesicht zeigen. Sein wäßriger Blick beweist Übersicht. Eine Art lieber Gott mit Nickelbrille. Zu allem hat er zwei Meinungen.

 

Wie wir. Einerseits ist der Bau von Atomkraftwerken ein nicht einzuschätzendes Risiko; andererseits können nur die neuen Technologien den uns gewohnten Wohlstand sichern. Einerseits gibt die manuelle Boden

 

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bearbeitung achthundert Millionen chinesischer Bauern Arbeit und Nahrung; andererseits kann nur eine technisierte Landwirtschaft die Hektarerträge steigern, wodurch einer‑ wie andererseits über die Hälfte der Bauern arbeitslos oder für andere Aufgaben ‑ man weiß noch nicht, welche ‑ freigestellt werden würde. Einerseits sollte man die Slums in Bangkok, Bombay, Manila und Kairo sanieren; andererseits locken sanierte Slums immer mehr Landflüchtige in die Städte. Einerseits andererseits.

 

Und auch unser Lehrerpaar aus Itzehoe ‑ das liegt bei Brokdorf ‑ ist politisch, privat und überhaupt auf das mitteleuropäische Gesellschaftsspiel »Einerseitsandererseits« abgestimmt. Sie macht bei der FDP mit; er versorgt die umliegenden Ortsvereine der SPD mit Vorträgen zum Thema »Dritte Welt«. Beide sagen: »Einerseits haben die Grünen recht, doch andererseits bringen sie Strauß an die Macht.«

 

Das und noch mehr ist kaum auszuhalten im Kopf. Er vermißt Perspektiven, sie eine Sinngebung allgemein. Ihre Launen, sein nachmittägliches Durchhängen. Sie wirft ihrem Vater vor, daß er den Hof »der Eierindustrie verscherbelt hat«; er will eigentlich seine Mutter, die in Hademarschen nur noch für sich sorgt, in den Lehrerhaushalt aufnehmen, sucht aber dennoch, nach seinen Worten »vernünftigerweise«, ein gut geführtes Altersheim. Sie, die prinzipiell auf Mutterschaft fixiert ist, sieht sich, seitdem der indische Subkontinent ihren Geografieunterricht belastet, wieder einmal dem Verzicht auf das Kind verpflichtet. Er, dem die Schulkinder genug und zum Wochenende mehr als

 

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genug sind, meint neuerdings: “Also groß genug für drei ist unsere Altbauwohnung mit Gartenauslauf allemal, selbst wenn Mutter hierherzieht.”

 

Sie machen es sich nicht leicht. Das Kind bleibt Thema. Ob sie in Itzehoes Holstein-Center einkaufen oder sich auf den Elbdeich bei Brokdorf stellen, ob auf der Doppelmatratze oder bei der Suche nach einem neuen Gebrauchtwagen: immer spricht das Kind mit, schielt nach Babysächelchen, will über den Elbstrand krabbeln, wünscht sich beim Eisprung den Guß und fordert Autotüren mit Kindersicherung. Doch es bleibt beim Alsob und Angenommenwenn, wobei Harms Mutter (als Ersatzkind) mal in die Lehrerwohnung aufgenommen, dann wieder in ein Altersheim abgeschoben wird, bis ein vormittäglicher Schock die eingespurten Wechselreden entgleisen läßt.

 

Als die Studienrätin Dörte Peters ihrer 10 a während der Geografiestunde die Familienplanung von der Verhütungsaufklärung bis zur freiwilligen Sterilisierung als Programm gegen die Überbevölkerung diktiert, springt eine Schülerin (blond wie Dörte Peters) auf und wird schön durch Protest: “Und was ist bei uns? Kein Zuwachs mehr. Immer weniger Deutsche. Warum haben sie eigentlich keine Kinder? Warum nicht! In Indien, Mexiko, China nehmen sie zu wie verrückt. Und wir hier, die Deutschen sterben aus!”

 

Schlöndorff und ich wissen noch nicht, wie sich die Klasse zu dieser Anklage verhält. Ist dieser Ausbruch auf das Elternhaus der Schülerin zurückzuführen? Sollte nicht besser ein Schüler, mit Seitenhieb auf die Gastarbeiter, wie enthemmt sein: “In Itzehoe werden

 

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fast nur noch Türkenbabys abgenabelt!”? Oder sollten Schülerin und Schüler nacheinander ihre Anwürfe steigern?

 

Jedenfalls verbreitet die Behauptung “Die Deutschen sterben aus!” (nach kurzem, verschreckt abbrechendem Gelächter der Klasse) jene nicht faßbare, sogar die Gymnasiallehrerin Dörte Peters besetzende Angst, die, mit anderen Angsten gemischt, den Treibsatz abgeben wird für Sätze, die ins kommende, ins Wahljahr hinein Franz Josef Strauß sprechen oder sprechen lassen wird.

 

“Noch eine Schwierigkeit”, sagte ich zu Schlöndorff. “Wenn wir achtzig drehen wollen, geht das nur im Juli August. Davor und danach ist Wahlkampf. Ich weiß nicht, was du machen wirst. Aber nur zugucken will ich nicht. Es könnte zu viele Leute geben, die sich ihre kleine Lust am Untergang bestätigen lassen wollen.”

 

In Pekings Universität und im Fremdspracheninstitut Shanghai wurde nicht nach deutschen Wiedervereinigungsplänen gefragt, in denen die Volksrepublik China eine Rolle zu spielen hätte. Ich weiß auch nicht, ob meine These von der zuletzt verbliebenen Möglichkeit zweier deutscher Staaten einer Kulturnation bei den chinesischen Studenten und ihren Lehrern jenes Interesse fand, das bei uns ausbleibt. Ich sagte: “Unsere Nachbarn in Ost und West werden eine Ballung wirtschaftlicher und militärischer Macht in der Mitte Europas nie wieder dulden nach der Erfahrung zweier Weltkriege, die dort gezündet wurden. Doch könnte die Existenz der beiden deutschen Staaten unter

 

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dem Dach eines gemeinsamen Kulturbegriffes unseren Nachbarn verständlich und dem Nationalverständnis der Deutschen angemessen sein.”

 

Eine Illusion mehr? Literatenträume? Ist meine Behauptung, die ich in Peking und Shanghai, danach anderenorts wie ein närrischer Wanderprediger vortrug - es hätten sich die deutschen Schriftsteller, im Gegensatz zu ihren separatistischen Landesherren, als die besseren Patrioten bewiesen - nur eine Trotzgebärde? Mit Beweisen von Logau und Lessing bis zu Biermann und Böll zur Hand, setzte ich einfältig (womöglich rührend in meiner Einfalt) Kenntnis der deutschen Kultur und ihrer Entwicklung voraus. (Selbst meine beiden Lehrer, die nun Harm und Dörte Peters heißen, winken ab und sind überfordert. “Mann”, sagt Harm, “sowas läuft nur im Dritten Programm.”)

 

Wer heimkehrt, findet sich vor. als wir aus Asien heimkehrten, standen neben dem chinesischen Staatsbesuch und der Angst vor dem Aussterben der Deutschen, neben Bahros Umzug von Ost nach West und der allabendlichen Fernsehteilnahme am Völkermord in Kambodscha auch die Nachwehen der Frankfurter Buchmesse auf der Tagesordnung. Während dreißig Jahren, solange der eine deutsche Staat neben dem anderen besteht, war es immer wieder zwingend gewesen, die NS-Vergangenheit etwa des Adenauer-Staatssekretärs Globke, des Bundeskanzlers Kiesinger, des Ministerpräsidenten Filbinger, des derzeitigen Bundespräsidenten Carstens aus Akten zu ziehen, die sich (wie selbsttätig) verlegt hatten; nun war in der Wochen-

 

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zeitung “Die Zeit” unter der Überschrift “Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt”ein Aufsatz erschienen, der den Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur bis in die Nazizeit vordatierte und das Jahr 1945 als Stunde Null bestritt.

 

Dieser Aufsatz löste Streit aus, der sich hinzieht. Unbestritten soll die Keuschheit der Nachkriegsliteratur, besonders jener Autoren bleiben, die während der Zeit des Dritten Reiches Deutschland nicht verlassen und ihre Werke in jenem Freigehege veröffentlicht haben, das ihnen die Nazis eingeräumt hatten; weil aber die den Streit auslösenden Thesen mit einigen nur halbgenauen, also ungenauen Hinweisen gespickt waren, die die Nähe einiger Autoren zu NS-Institutionen belegen sollten, wird jetzt das eigentliche Thema nebensächlich verhandelt, doch mit Fleiß die Blöße wahrgenommen, die sich der Autor des umstrittenen Aufsatzes gegeben hat.

 

Denunziant wird er genannt. Wie ein Feind soll er vernichtet werden. Im kalten Schrott hat er ein heißes Eisen gefunden und angefaßt, öffentlich angefaßt. Zum Abschuß freigegeben, schlägt er nun Haken. Wie lange noch? Die Verletzung eines Tabus wird nach entsprechenden Riten geahndet.

 

Sobald sich die Deutschen - Täter wie Opfer, Ankläger und Beschuldigte, die Schuldigen und die nachgeborenen Unschuldigen - in ihre Vergangenheit verbeißen, nehmen sie eingefleischte Positionen ein, wollen sie recht behalten, recht bekommen. Blindlings - im Irrtum noch - machen sie deutsche Vergangenheit gegenwärtig, ist wieder die Wunde offen und wird die Zeit, die verstrichene, die glättende Zeit aufgehoben.

 

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Ich nehme mich nicht aus. Als hätte ich mein deutsches Bewältigungsgepäck mit nach Asien, bis hin nach Peking verschleppt, fragte ich meine chinesischen Kollegen (bei Tee und Süßigkeiten), wie man denn mit jenen Schriftstellern verfahre, die sich zwölf Jahre lang der Kulturrevolution, der »Viererbande« verschrieben hatten. In landesüblich umschreibender Weise antwortete man mir: Während der schlimmen Jahre sei Literatur verboten gewesen. Eisiger Wind habe nichts blühen lassen, nur einem einzigen Autor sei es, als Günstling der Viererbande, erlaubt gewesen, mit acht Stücken das vorher leergefegte Programm der Peking-Oper zu füllen. Ja, der dürfe sich noch immer Mitglied des Schriftstellerverbandes nennen. Er werde Mitglied bleiben und habe mittlerweile ein neuntes Stück geschrieben. Das sei dramaturgisch wirkungsvoll wie die anderen. Ein großes Talent. Man diskutiere mit ihm.

 

Wir hätten in beiden deutschen Staaten den Ausschluß aus demjeweiligen Schriftstellerverband gefordert. (Man wolle nicht, wurde mir in Peking höflich versichert, die Fehler der Viererbande wiederholen.) Welche und wessen Fehler wiederholen wir?

 

Mein Lehrerehepaar aus Itzehoe an der Stör wurde nach dem Krieg, er fünfundvierzig, sie achtundvierzig geboren. Sein Vater fiel kurz vor Schluß in der Ardennenschlacht. Ihr Vater kam Anfang siebenundvierzig aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück: ein frühgealterter Jungbauer. Da Harm und Dörte den Faschismus nicht kennen, sind beide schneller mit dem

 

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Wort zur Hand, als sie sich wechselseitig erlauben wollen. Das Wort ist so griffig. Immer paßt es ein bißchen. Mundgerecht zischt es wie der Name des Kandidaten.

 

“Nein”, sagt Harm. “Er ist kein Faschist.”

 

“Unbewußt doch”, sagt Dörte, “sonst würde er nicht so rasch, wenn er auf Widerspruch stößt, mit dem Schlagwort ‘Faschisten! Ihr roten Faschisten!’ zuhauen.” Sie einigen sich auf das Wort “latent”.

 

Bald wollen sie ihre Koffer packen. Leichte Sommersachen, Baumwolle, tropengerecht. Noch fehlen die letzten Impfungen. Harms Mutter und Dörtes Eltern müssen zum Abschied besucht, die Katze muß noch versorgt werden. Denn Harm und Dörte wollen, weil beide nicht mit sich und ihrem wechselseitig bejahten verneinten Wunsch nach einem Kind zurechtkommen und weil die Sommerferien sogar für Lehrer lang genug sind, eine Reise nach Indien, Thailand, Indonesien machen - oder nach China, falls Schlöndorff und ich dort Dreherlaubnis bekommen.

 

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Der Streit geht weiter. Ich mische mich in den Streit. Das geht mich an. Es sind mir wichtige Namen genannt worden: Eich und Huchel, Koeppen und Kästner. Ich weiß nicht, was die Genannten bestimmt hat, so zu überleben. Ich kann ihr Verhalten während der Nazizeit (weiterdichten und publizieren) nicht wägen, doch nehme ich an, daß jeder für sich (und Eich und Huchel im Streit miteinander) sein Verhalten am Schicksal jener Schriftsteller gemessen hat, die Deutschland verlassen mußten, die in den Selbstmord getrieben wurden, die man erschlagen hat. Oder sie haben sich später an Autoren messen müssen, die gleichfalls geblieben waren und überlebten, doch ohne das von den Nazis schlau eingeräumte Gehege zu nutzen.

 

Ich will nicht urteilen. Ein fragwürdiger Glücksfall, mein Jahrgang, 1927, verbietet mir den Stab brechende Worte. Ich war zu jung, um ernsthaft geprüft werden zu können. Und doch hängt es mir an: Als Dreizehnjähriger habe ich mich an einem Erzählwettbewerb der Hitlerjugend-Zeitschrift “Hilf mit!” beteiligt. Ich schrieb schon früh und war auf Anerkennung versessen. Doch weil ich, offenbar die Adresse fehleinschätzend, etwas Melodramatisches über die Kaschuben geschrieben und als Fragment eingeschickt hatte, war mir das Glück sicher, keinen Hitlerjugend-, keinen “Hilf mit!”-Preis zu bekommen.

 

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Also bin ich fein raus. Also belastet mich nichts.

Keine Fakten sind greifbar. Nur meine Vorstellung, die

nicht Ruhe gibt, schafft welche herbei: Ich könnte

mich rückdatieren. Ich lasse meine Biografie zehn

Jahre früher beginnen. Was sind schon zehn Jahre! Ein

Daumensprung. Meine Vorstellung schafft das.

 

Ich, Jahrgang 1917. 1933 wäre ich sechzehn und nicht sechs Jahre alt, bei Kriegsbeginn zweiundzwanzig und nicht zwölf Jahre alt gewesen. Da sogleich wehrpflichtig, hätte ich, wie die meisten meines Jahrgangs, kaum den Krieg überlebt. Doch trotz dieser Wahrscheinlichkeit spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten. Aus kleinbürgerlicher, die halbkaschubische Herkunft verdrängender Familie, deutsch-idealistisch erzogen und auf das Prinzip der Reinheit vergattert, hätte ich mich für großräumige Ziele begeistern und mir (im Namen der Volksgemeinschaft) subjektives Unrecht als objektives Recht erklären lassen. (Die Danziger SS-Heimwehr hätte, obgleich oder weil mein Onkel Franz bei der Polnischen Post Dienst tat, im Spätsommer 39 mit mir rechnen können, schriftlich bestimmt.)

 

Dank meiner Mitgift, dem rigorosen Schreibtalent, wäre mir zu den Ereignissen der Bewegung (Machtergreifung, Erntedankfest, Führers Geburtstag) und später zum Kriegsverlauf Gereimtes und Hymnisches eingefallen, zumal die Poetik der Hitlerjugend (siehe Anacker, Schirach, Baumann, Menzel) spätexpressionistische Wortballungen und gestische Metaphern erlaubte. Meine Texte zu Morgenfeiern sind vorstellbar.

 

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Oder es hätte mich - angeregt von feinsinnigen Deutschlehrern - naturbeflissene Innerlichkeit lammfromm gemacht und auf Carossas oder, noch stiller, auf Wilhelm Lehmanns Spuren geleitet: Sommerglanz, Herbstes Fülle, immer fleißig den Jahreszeiten hinterdrein. In beiden Fällen hätte ich, wie ich mich einschätzen muß, vom Atlantikwall, vom Oslofjord aus, von mythenbewohnter kretischer Küste oder (meiner hafenstädtischen Herkunft kriegsfreiwillig entsprechend) als U-Boot-Fahrer einen Verleger gesucht und gefunden.

 

Wahrscheinlich wäre mir ab Stalingrad - jetzt sechsundzwanzig Jahre alt - ein trostloses Lichtlein aufgegangen: dem Oberleutnant oder dem Gefreiten. Verwickelt in Partisanenerschießungen, Vergeltungsschläge und Säuberungsaktionen, als Augenzeuge unübersehbarer  Judendeportationen hätte ich meiner spätexpressionistischen Reimkunst oder der Beschwörung der Schachtelhalme neue Töne - ortlose Trauer, verzweifelte Wortwahl, Dunkles, Vieldeutiges - beigemengt. Wahrscheinlich wären mir zum Rückzug (im Vergleich zu meiner Schreibphase während der Zeit der raumfressenden Siege) sogenannte »allzeit gültige Verse« gelungen.

 

Und in dieser Stillage, die vierundvierzig noch meinem Verleger und der Zensur genehm gewesen wäre, hätte ich (Überleben vorausgesetzt) zwanglos die bedingungslose Kapitulation, die angebliche Stunde Null, womöglich auch ein zwei Jahre Gefangenschaft überbrücken und mich der neuen, kargen und kaloriearmen, der pazifistischen bis antifaschistischen Inhalte

 

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annehmen können; wie es geschehen ist laut hundert und mehr Biografien.

 

Ein einziger, soweit ich weiß, Wolfgang Weyrauch, hat sich zu solch einer Biografie bekannt. Ich trage meine Kopfgeburt nach: ja, es stimmt. Kein Zusammenbruch fand statt. Keine Stunde Null schlug uns. Trüb fließend waren die Übergänge. Das große Entsetzen über das Ausmaß der geduldeten, direkt oder indirekt geförderten, in jedem Fall mitzuverantwortenden Verbrechen kam erst später, mehrere Jahre nach der angeblichen Stunde Null, als es schon wieder aufwärtsging. Dieses Entsetzen wird bleiben.

 

Deshalb mische ich mich in den Streit. Wir sind schon wieder so ausgewogen. Demokratisch gewitzt tricksen wir unsere Bedenken aus. Allzu viel ist uns verständlich. Der brutale Wille zur Macht wird “vital” genannt. Der Sprache des Vitalen, die jeder Verleumdung mächtig ist, werden Ausbrüche nachgesehen. Es heißt: Das ist sein bayrisches Temperament. Liberal nennen wir unser feiges Wegducken. Schon sind die Redaktionsstuben der Rundfunkhäuser für die innere Emigration möbliert. Man muß nur eine Reise machen und heimkehren: das alte, das immer neue Entsetzen findet sich vor.

 

Auf unsere Asienreise nahm ich, außer dem Vortrag

über “Die deutschen Literaturen” und meinem Roman

“Der Butt”, drei Blatt Stichwörter zum Thema “Kopfgeburten” mit. Aus dem Butt habe ich auf allen Stationen

der Reise einfache Kapitel vorgelesen: Wie Amanda

Woyke in Preußen die Kartoffel einführt. Ein Märchen

 

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aus dem achtzehnten Jahrhundert, das in Asien von heute ist: etwa in Regionen, in denen der ausschließliche Reisanbau durch unbekannte Aussaaten (Mais, Sojabohnen) ergänzt werden soll, was am beharrlichen Nein der Bauern scheitert, bis eine chinesische oder

javanische Amanda Woyke ...

 

Die Notizzettel für die Kopfgeburten habe ich nur beim Hinflug gelesen und mit Zusätzen gespickt. Erst jetzt, zurück und schon wieder den deutschen

Verengungen eingefügt, fallen die Zettel aus der Mappe: Unser Lehrerpaar aus Itzehoe, Dörte und Harm Peters, hat meine Ausflüchte und Gegenvorhaben überlebt. Es bereitet sich immer noch auf die Reise vor.

 

Sie will konzentriert nur Indien erleben: “Wir verzetteln uns sonst und kriegen nichts richtig mit.”

 

Er will unbedingt einen alten Schulfreund auf Balibesuchen: »Interessiert mich schon, wie der sich da vorkommt. Und entspannen müssen wir auch mal. Soll außerdem schön sein, da unten. Ziemlich unverdorben.”

 

Sie macht ihre Klasse erst am letzten Schultag, nachdem sie die Zeugnisse (zwei Sitzenbleiber) ausgeteilt hat, mit ihren Plänen bekannt: “Übrigens denke ich an eine Studienreise, unter anderem nach Indien. Vielleicht gelingt es mir im Herbst, euch die Probleme der Überbevölkerung anschaulicher, ich meine, aus eigener Anschauung darzustellen.”

 

Er will von seiner Klasse wissen: “Wir haben kürzlich Indonesien durchgenommen. Meine Frau und ich werden während der Sommerferien Java und Bali

 

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besuchen. Worauf soll ich besonders achten? Habt ihr Fragen?«

 

Worauf einer der Schüler sagt: »Was kosten da Mofas, Japanische?«

 

Und später, in Djakarta, erfragt Harm Peters bei einem chinesischen Händler den Preis einer Kawasaki in Rupien, damit er gegen Ende des Films die Frage des Schülers, den sonst nichts interessiert, (pädagogisch vermittelnd) beantworten kann: Die kostet da soundsoviel, in Demark umgerechnet soundsoviel, das macht für einen indonesischen Arbeiter, der nur soundsoviel verdient, mehr als fünf Monatslöhne aus, während ein westdeutscher Arbeitnehmer...

 

In einer anderen Szene hält das S P D ‑Mitglied Harm Peters einen Vortrag. Nach Behandlung kommunalpolitischer Tagesordnungspunkte spricht er (womöglich zu Dia‑Einblendungen) über Slumprobleme asiatischer Großstädte, wobei er, mit Hinweis auf seine bevorstehende Asienreise, eine Fortsetzung des Vortrages, »die Vertiefung der Problematik<< ankündigt. Doch sobald Harm Peters die Genossen zur Diskussion auffordert, meldet sich ein IG‑Metaller am Thema vorbei: »Ich will noch mal kurz auf Punkt drei der Tagesordnung zurückkommen: Kriegen wir nun die Ampelanlage vor der Realschule oder was ist?«

 

Peters wird, weil er auf einer sachbezogenen Diskussion seines Vortrages besteht ‑ »Genossen, es geht hier schließlich um die Probleme der Dritten Welt!« ‑, allseits abgeschmettert: »Jadoch, ja. Aber uns geht es um die Gefährdung der Schulpflichtigen auf dem Schulweg. Das ist auch wichtig. Das verstehst du nicht, Harm. Du hast keine Kinder!«

 

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Hier müßte der Film aufs Stichwort reagieren: Dörte hat im Vorjahr, als sie (wie immer noch) einerseits ein Kind haben wollte, doch andererseits nicht bereit war, ein Kind, »mein Kind in diese zunehmend von Kernenergie verseuchte Welt zu setzen«, im zweiten Monat abtreiben lassen. Auch Harm war für die Abtreibung: »Erst wenn du innerlich voll zu dem Kind stehen kannst und wenn wir die Landtagswahlen hinter uns haben, erst dann ... «

 

Das und das übrige Elend der Welt diskutieren die beiden auf dem Elbdeich zwischen Hollerwettern und Brokdorf Erhöht stehen sie dem ummauerten, verzäunten, mit Spanischen Reitern, Wachtürmen und ähnlichen D D R‑Anleihen geschützten Baugelände gegenüber, das langsam zuwächst und annähernd idyllisch wird, seitdem durch Gerichtsbeschluß ein Baustopp für das Atomkraftwerk Brokdorf erlassen wurde. Demnächst, beim Termin in Schleswig, könnte er durch einen gegensätzlich lautenden Gerichtsbeschluß wieder aufgehoben werden.

 

Harm sagt: »Das sind doch Ausreden, billige Ausreden! Mal ist es die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, mal ne bevorstehende Landtagswahl, mal meine Mutter, die überhaupt nicht vorhat, zu uns zu ziehen, und notfalls hindert uns die Planung oder Genehmigung weiterer Kernkraftwerke, hier oder sonstwo, ein Kind, unser Kind in die Welt zu setzen.«

 

Aber Dörte hat nun mal diese wechselnden Zukunftsängste: »Wenn wir schon ohne Perspektive sind, wie soll denn das Kind, frag ich dich, unser Kind ... «

 

Harm wird zynisch: »Schnelle Brüter verhindern Schwangerschaft! Könnte als Aufmacher in der Bild

 

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Zeitung stehen. Und wer sorgt später für unsere Renten? Wo wir doch, nach dem Schweine‑ und Butterberg, einen Rentnerberg kriegen ... «

 

»Aber ich will nicht!« schreit sie.

 

»Weil dir das nicht in den Kram paßt!« schreit er.

 

Vielleicht lacht Dörte jetzt, wie gegen ihren Willen, doch gibt sie zu: »Na schön. Natürlich spielt auch Bequemlichkeit eine Rolle. Aber nicht nur bei mir. Auch dein Konzept sieht kein Kind vor. Auch deine Unabhängigkeit, Reiselust, was weiß ich, könnte durch ein Kind, ich meine, wenn es mal da ist ... «

 

Wie ein Pfarrer am Bußtag steht Harm auf dem Deich. Er predigt mehr den Kühen, den Schafen in der Marsch und den Großtankern auf der Elbe als seiner Dörte: »Wahrlich, ich sage dir! Und dein heiliges Recht auf Selbstverwirklichung ist in Gefahr. Könnten wir denn, liebste Dörte, mit Kleinkind am Hals unsere schönausgedachte Asienreise machen? Müssen wir uns nicht fragen, ob unser Programm, das nicht nur die üblichen Sehenswürdigkeiten verspricht, sondern auch, ich zitiere: >die oft grausamen Wirklichkeiten des asiatischen Großraumes< zu bieten hat, eine Reise mit solch süßem Balg als Handgepäck erlaubt? Will Dörte Peters ihr Baby etwa nach Indien mitschleppen, wo es schon so viele, viel zu viele Babys gibt? Und gegen was sollen wir das Söhnchen, wenn es eins wird, impfen lassen? Gegen die Pocken, Cholera, gegen Gelbfieber? Soll es, wie wir, drei Wochen vor der Abreise gegen Malaria Tabletten schlucken oder in die keimfreie Dosennahrung gerührt bekommen? Und müßten wir dann nicht den ganzen Wegschmeißkram, fünfzig Dosen

 

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mit Vakuumverschluß, Päckchen, Tüten, Windeln, einen Sterilisator, die Babywaage, was noch alles im Gepäck haben, damit unser Söhnchen ... «

jetzt lacht Dörte wirklich und ein wenig zu laut. Und so spontan kann sie anderer Meinung sein: »Aber ich will ein Kind, will ein Kind! Schwanger, dick, rund und kuhäugig will ich werden. Und Muh sagen. Hörst du! Muh sagen. Und diesmal, mein bester Harm und Vater meines gewollten Kindes, ist nicht nach zwei Monaten Schluß. Ehrlich. Sobald wir fliegen, hörst du, sobald wir das hier, ja, euch Heinis da drüben in eurem Atom‑KZ, unter uns, hinter uns haben, setz ich die Pille ab!«

 

So etwa lauten Regieanweisungen: beide lachen. Aber weil die Kamera draufhält, lachen sie nicht nur. Sie greifen nacheinander, kriegen, balgen sich, pellen sich die Jeans runter, »vögeln sich«, wie Harm sagt, »bumsen sich«, wie Dörte sagt, auf dem Deich zwischen Kühen und Schafen, frei unter freiem Himmel.

Nur einige mit Ferngläsern und Hunden bewaffnete Wachmänner der noch immer zukünftigen Baustelle

des Atomkraftwerkes Brokdorf mögen die beiden im Auge haben. Dann noch zwei Düsenjäger im Tiefflug.

(»Scheiß‑Nato!« stöhnt Dörte.) Weitab bei Flut der Schiffsverkehr auf der Elbe. Sommerwolken.

 

Dazu sagt eine Notiz auf meinen nach Asien verschleppten, von dort heimgeführten Zetteln: »Kurz vor der Landung in Bombay oder Bangkok ‑ das Frühstück wird schon abgeräumt ‑ nimmt Dörte die Pille, was Harm, der nur scheinbar schläft, sieht und wie ein Fatalist akzeptiert.«

 

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Das geht zu schnell. Bevor ich die beiden abfliegen lasse, will ich noch ein Weilchen unsicher sein. Es fehlt am Programm. Es gibt so viele, zu viele Reiseprospekte. Keiner taugt für die Kopfgeburten. Dem Titel treu, muß ich mir einen Prospekt ausdenken. Einen zukünftigen. Denn das wird morgen schon möglich sein: Tourismus mit Slumprogramm. Müde der üblichen Sehenswürdigkeiten, wollen wir endlich sehen, was keine Postkarte weiß, woran die Welt krankt, wohin unsere Steuergelder gehen, wie man so lebt im Slum: offenbar fröhlich, wie die Prospektfotos zeigen, in all dem Elend.

 

Harm und Dörte finden das Angebot einer Reisegesellschaft, die sich Sisyphos nennt, »ziemlich brutal«. (Warum Sisyphos? Das will ich mich später fragen.)

 

Sie sagt, »Mann, sind die zynisch.«

 

Er sagt, »aber ehrlich.«

 

Der im Prospekt werbende Text sucht die Marktlücke. »Wer den Stein wälzen will, wer die Kraft hat, zu sehen und zu begreifen, was uns tief innen beunruhigt, wem es um Tatsachen, auch um harte Tatsachen geht ... « steht dort in sachlicher Maschinenschrift vor knapp gehaltenen Informationen, die über die Säuglingssterblichkeit in Südostasien, über Bevölkerungsdichte und Pro‑Kopf‑Einkommen auf Java Bericht geben. »Sisyphos« hat für seine Reisenden den örtlich jeweils vorherrschenden Proteinmangel errechnet und daneben (statistisch anklagend) die Preissteigerungen für Sojabohnen an der Chicagoer Börse notiert.

 

»Klar doch«, sagt Harm, »die haben begriffen, daß Leute wie wir ein Alternativprogramm suchen. Wir

 

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wollen ran an die Wirklichkeit und uns nicht wie Herdenvieh durch Tempelanlagen treiben lassen. Steht hier schwarz auf weiß: >Asien ungeschminkt erleben<.«

 

Nachdem sich Dörte zuerst ein wenig entrüstet hat, »weil die auch nur dickes Geld machen wollen«, findet sie das angebotene Reiseprogramm ausgewogen: »Immerhin kommt der kulturelle Aspekt nicht zu kurz. Und richtige Ferien sind zwischendurch auch drin.«

 

Ich nehme mich von so gemischten Bedürfnissen nicht aus. So etwa reisten Ute und ich, wenn auch ohne Prospekt. Wir besuchten am Morgen den einen, den anderen Slum, ruhten mittags im klimatisierten Hotel, besichtigten am späten Nachmittag buddhistische Tempelanlagen, hörten uns am Abend (nach meinem obligaten Vortrag) bei Drinks und Häppchen den Bericht einiger Experten über eine zweihundert Meilen entfernte Hungerregion an, die wir am folgenden Tag aufsuchten: aus mitgebrachter Distanz beteiligt, be­scheiden überlegen, aufmerksam, angestrengt frei von Ekel. Mein statistisches Wissen hatte ich während der Anreise abgelegt und mich zum Schwamm erklärt, der

aufnimmt. Ich stellte nur selten Fragen, hörte, sah, roch und machte keine Notizen. Auch Fotos, die nebenher und wie zufällig entstanden, kamen später nicht in

Betracht. Ich schämte mich, schamlos zu sein. Jetzt will ich Harm und Dörte auf unsere Reise schicken, aber sie widersprechen mir. Sie wollen ihr Vorwissen nicht

ablegen. Sie nennen das Ganze eine Zumutung. Noch haben sie Hemmungen, nach meinem gemischten Pro­gramm zu reisen. Sie sind verschämt. Doch da sie nicht

 

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übliche Touristen sein wollen und sich, wie beide sagen, »ihrer objektiven Urteilskraft« sicher sind, unterschreiben sie ‑ Dörte vor Harm ‑ das Formular der Reisegesellschaft »Sisyphos« und sind, bevor sie starten, schon auf dem Trip.

 

Noch weiß ich nicht, wie meine Bedenken und Ausflüchte in einem Film, der alles eindeutig macht, sichtbar werden könnten. Auch wenn die beiden unterschrieben, gebucht und sich für meine Reiseroute entschieden haben, bleibe ich unschlüssig. Ich muß mit Schlöndorff sprechen. Nur Verstörungen und Ortswechsel, welche Handlung sonst hätten Harm und Dörte zu bieten? Außer dem Kind Ja, dem Kind Nein spielt sich zwischen den beiden nichts Aufregendes ab. Allenfalls könnte Harms Wunsch, auf Ball einen Schulfreund namens Uwejensen besuchen zu wollen, Handlung einleiten.

 

Es wohnt nämlich Uwes Schwester, die Monika heißt, in Itzehoe. Sie (und nicht Harms Mutter in Hademarschen) nimmt die Katze in Pflege. Sie kramt die Adresse ihres Bruders aus einem Stoß Briefe. Sie sagt: »Vor zwei Jahren der letzte Schrieb. Steht hier: >Geht mir blendend. Nur auf was Deftiges hätte ich Appetit ... <« Und Monika Steppuhn ‑ ihr Mann ist Drucker bei Gruner und Jahr ‑ erinnert Harm an die Freßlust seines Schulfreundes: »Mensch, weißt du noch, wie Uwe in Brunsbüttel, ja, nach der Radtour, fünf Portionen Sülze zu Bratkartoffeln einfach so reingespachtelt hat ... «

 

Also kauft Harm in einer Itzehoer Metzgerei ein Kilo hausgemachte, leicht angeräucherte, grobe Leber

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wurst im Naturdarm, die er, des sie erwartenden Klimas wegen, in Plastikfolie einschweißen läßt. »Ich bin sicher«, sagt er zu Dörte, »daß sich Uwe darüber freuen wird. Gibt es doch nicht da unten. Und ich weiß noch wie heute, wie gerne der Leberwurst fraß.«

 

Die eingeschweißte Leberwurst wird später im Handgepäck versorgt. Von jenem Schulfreund könnte, außer sportlichen Leistungen (Handball), bekannt werden, daß er zuerst in Singapore, dann in Djakarta als Hoechst‑ oder Siemensvertreter paar Jahre lang schnelles Geld gemacht hat ‑ »Der war schon immer ein fixerjunge!« sagt seine Schwester ‑ und sich dann auf Ball zur Ruhe gesetzt haben soll.

 

In einem Korb tragen Harm und Dörte ihre Katze, die grau auf weißen Pfoten geht, zu Steppuhns. Erich, Monikas Mann, hält von seinem vielgereisten Schwager nicht viel: »Unzuverlässig. Und wo der politisch steht, keine Ahnung.«

 

Harm ist begeistert von seinem Einkauf: »Mann, der wird Augen machen, wenn wir da aufkreuzen und ihm die Wurst servieren. Hoffentlich stimmt die Adresse noch.« (Auch das Ehepaar Steppuhn ist kinderlos; es freut sich über die geliehene Katze.)

 

Ich gebe zu, daß die Idee mit der Leberwurst (als möglicher Nebenhandlungsträger) biografischer Natur ist. Kurz vor unserem Abflug ließ uns der Botschafter der Bundesrepublik in Peking wissen, daß ihm nach hausgemachter grober Leberwurst zumute sei. Also ließen wir bei unserem Dorfmetzger in Wewelsfleth, dem Jungmeister Köller, zwei angeräucherte, darmpralle

 

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Würste in Folie einschweißen, verstauten die holsteinischen Produkte im Handgepäck und flogen sie in die Volksrepublik China ein. Da der Botschafter Erwin Wickert Anfang 8o pensioniert sein wird und dann aus allen diplomatischen Rücksichten entlassen ist, kann ich so offen reden.

 

Also ist die Leberwurst keine Kopfgeburt, sondern Tatsache. Und auch die Freude des Chinakenners und Schriftstellers Wickert über die Wurst war unprotokollarisch tatsächlich. Ein straffer Herr, der es verstünde, selbst seine Leidenschaften in Reih und Glied antreten zu lassen. Ein preußisch‑konservativer Herr, den ich nach nächtlichem Gespräch über chinesische Denkweise und deutsche Absolutheiten für den kommenden Wahlkampf gewinnen konnte. Natürlich, sagte er, könne man von ihm keine Begeisterung für die Gesamtschule oder für die Mitbestimmung erwarten, aber gerne wolle er die außenpolitischen Träume des Kanzlerkandidaten an dessen China‑Wunschbild messen. Dieser Stammtischstratege gehöre nicht ins Kanzleramt.

 

Vielleicht sollte man einige preußische Tugenden, die auch chinesische Tugenden genannt werden könnten, zum Beispiel die korrekte Pünktlichkeit, wiederbeleben: denn als wir aus Asien heimkehrten, hatte sich der Botschafter Wickert (unter ansehnlichem Briefkopf) schon beim Metzgermeister Köller für die grobe und angeräucherte Leberwurst bedankt; wie auch ich mich für die handlungsträchtige Idee bedanke: denn nun fliegt sie, die Wurst, mit Harm und Dörte Peters in südöstliche Richtung. Erwartet wird die Touristen

 

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gruppe, zu der die beiden gehören, vom Reiseleiter der Reisegesellschaft »Sisyphos«, einem gewissen Dr. Konrad Wenthien.

 

Bedarf es dieser Figur, und muß sie so heißen? Wird hier nicht abermals ein kinogerechter Einfall läufig, ohne zum eigentlichen Thema, das Kind ja das Kind Nein, beitragen zu können? Und ist nicht vorauszusehen, daß sich zwischen diesem Wenthien und unserem Mann auf Bali, dem Schulfreund Uwe ‑ und sei es über die eingeflogene Leberwurst ‑, ein zufall‑, einfallbestimmtes Wechselspiel und schließlich konspirative Handlung ergeben wird?

 

Ich werde das zu verhindern suchen, obgleich Harm Peters, der wenig liest, aber wenn, dann mit Leidenschaft Kriminalromane verschlingt, einen Hang zu abenteuerlicher Gedankenflucht hat. (Er ahnt schon jetzt, daß die Wurst länger ist, als sie wiegt.) Auch will ich nicht verschweigen, daß Volker Schlöndorff, den ich auf Vicki Baums Roman »Liebe und Tod auf Bali« aufmerksam gemacht habe, mich kürzlich mit Eric Amblers »Waffenschmuggel« beschenkt hat; jetzt gehört dieser zwischen Hongkong, Manila, Singapore und Sumatra handelnde Thriller in englischer Originalfassung, »Passage of Arms«, zu Harm Peters Reisegepäck.

 

Schon merke ich, daß für den Film zu schreiben verführerisch ist. Es liegt soviel Material rum. Einstellungen ergeben sich aus Einstellungen. Alles verkürzt sich auf »action«. Immer das Bild sprechen lassen. Immer den Schneidetisch mitdenken. Bildsprache. Hand

 

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Handlungsverschnitt. Dabei wollte ich doch ganz anderem Gefälle, unserem ersten Gedanken nachgehen, der Ute und mich inmitten Shanghai als Epiphanie überfiel, indem er neunhundertfünfzig Millionen Chinesen zu demnächst einer Milliarde Deutsche mißraten ließ, die nun, weil noch immer geteilt, nach ihrem nationalen Selbstverständnis suchen: nicht etwa auf Fahrrädern, sondern alle motorisiert.

 

Achtzig Millionen unruhige Deutsche auf eine Milliarde Deutsche in Unruhe gebracht. Darunter entsprechend viele Sachsen und Schwaben. Wenn das kein Zuwachs ist! Das wabert episch. Das gärt. Was macht sie so unruhig? Was suchen sie? Gott? Die absolute Zahl? Den Sinn hinterm Sinn? Eine Versicherung gegen das Nichts?

 

Sie wollen sich endlich wissen. Sie fragen sich und bedrohlich hilfsbedürftig ihre ängstlichen Nachbarn, die, an deutscher Überzahl gemessen, zu Zwergvölkern geschrumpft sind: Wer sind wir? Wo kommen wir her? Was läßt uns deutsch sein? Und was, zum Teufel, ist das: Deutschland?

 

Da die Deutschen selbst als Milliardenvolk immer noch gründlich sind, setzen sie mehrere nationale Findungskommissionen ein, die tiefgestaffelt gegeneinander arbeiten. Man stelle sich das vor: diesen Aufwand an Papier, diesen Kompetenzstreit der einzelnen Bundes‑ und Deutschländer. Schon haben sie, weil nur auf die Organisation ihres Vorhabens versessen, dessen Ziel aus dem Auge verloren.

 

Meine Stunde. Jetzt melde ich mich zu Wort. Doch mein alter, noch vorepiphanischer Vorschlag, sich über

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aller Vielfalt dennoch als eine Kulturnation zu begreifen, findet nur in Randzonen Gehör. Meine Thesen werden anfangs nur von den Delegierten der kulturschaffenden Minderheit ‑ zwölfeinhalb Millionen Künstler, darunter vierhundertsiebenundachtzigtausend Schriftsteller ‑ im einzelnen und als Ganzes diskutiert. Was ist Kultur? Was alles ist Kultur? Ist Hygiene Körperkultur? Und wo, genau wo könnte Kultur im Bruttosozialprodukt ihren Stellenwert haben?

 

Doch schon ist abzusehen, daß sich bald größere Interessenverbände, nicht nur die Kirchen und Gewerkschaften, die private und die vergesellschaftete Industrie, sondern auch die nahezu gleichstarken, etwa achtzehn Millionen Mann zählenden Armeeverbände der beiden deutschen Staaten als Kulturträger, in Eliteeinheiten sogar als Kulturschaffende verstehen. Sie wollen die Nation verkörpern. Ihnen falle die sinngebende Aufgabe zu: Denn wo käme man hin, wenn nur die Künstler, dieses kaum zu organisierende Völkchen, das nationale Sagen hätten. Ich höre rufen: »Diese Freischaffenden! Diese Sozialfälle! Traumtänzer! Mit ihrer ewigen Extratour. Die sollen nur nicht so tun, als hätten sie die Kultur gepachtet. Was heute in unserer so oder so demokratischen Massengesellschaft zählt, sind unsere innerbetrieblichen wie freizeitadäquaten Subkulturen, die subventionierte Basiskultur ‑ verstanden! ‑ und nicht diese elitäre Überbauscheiße.«

 

Womit meine Idee, die, zugegeben, für nur achtzig Millionen Deutsche geschneidert war, im Eimer ist. Notgedrungen überlasse ich eine Milliarde Deutsche ihrer Unruhe und ihrem beunruhigenden

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Selbstfindungsprozeß. Teils forsch, teils schwermütig singend, verkrümelt sich die deutsche Masse im Ungefähren.

 

Immerhin bleiben mir Harm und Dörte. Beide sind übersichtlich. Ihr Problem ist mir als Kopfgeburt sicher. Jetzt, kurz vor der Landung, nimmt sie, wider alle beschworene Absicht: das Kind Ja! ‑ die Pille: das Kind Nein! ‑ Und jetzt landen sie endlich in Bombay mit einem Kilo deutscher Leberwurst im Handgepäck.

 

Weil aber dem Entschluß, die beiden endlich landen zu lassen, noch immer Bedenken querliegen, die auf Details bestehen und in erster Fassung sprachlos waren, sei hier in dritter Fassung erwogen, die grobe Leberwurst nicht bei irgendeinem Metzger der knapp vierunddreißigtausend Einwohner zählenden Stadt Itzehoe zu kaufen, sondern bei Feinkost‑Kruse in der Kirchstraße, Sankt Laurentius gegenüber; von dort ist es nur wenige Schritte zur Buchhandlung Gerbers, in der Harm seine Krimis, Dörte Einschlägiges über »Sanfte Energie« kauft.

 

In und hinter zwei überreichen Schaufenstern wird Feinkost‑Kruse von zwei weißgekittelten Brüdern allzeit gutsortiert gehalten. Das Angebot könnte Harm verführen, außer der groben Leberwurst eine geräucherte Gänsebrust auswiegen zu lassen, aber es bleibt bei der handlungsträchtigen Wurst. Bei Gerbers könnte Dörte, außer nach Taschenbüchern über Indien und Indonesien, nach exotischer Unterhaltungsliteratur fragen und von Herrn Gerbers persönlich auf Vicki Baums »Liebe und Tod auf Ball« aufmerksam gemacht werden; aber es bleibt bei statistischem Material, weil

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der Roman erst später ins Spiel kommen soll. Und von Itzehoe läßt sich sagen, daß diese Stadt nur uneigentlich an der Stör liegt, denn im Jahr 74 ließen die Stadtväter, nach einem Anfall planerischen Wahnsinns, die Störschleife inmitten der Neustadt zuschütten. Außerdem spricht für Feinkost‑Kruse, daß von der Kirchstraße die Feldschmiede als Fußgängerzone abzweigt. Dort sieht man gelegentlich den Genossen Harm Peters mit anderen Genossen (Erich Steppuhn) den »Rotfuchs«, die Zeitung der Itzehoer SPD, verteilen. Und in der Fußgängerzone Feldschmiede, die auf das Holstein‑Center zuläuft, sollen während der herbstlichen Wahlkampfphase Diskussionen mit Bürgern stattfinden.

 

Harm gehört zur Rotfuchs‑Redaktion. Dörte kauft bei Gerbers mehr ein, als sie lesen wird. Itzehoe wurde 1238 gegründet. Und das Kilo deutsche Leberwurst im Handgepäck, das bei Feinkost‑Kruse gekauft wurde und nun mit Harm und Dörte in Bombay landet, ist wirklich eine Delikatesse.

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Abermals Einspruch: noch immer kreisen sie über Bombay ohne Landeerlaubnis, weil ich einzurücken vergaß, was auf meinen Notizzetteln steht und vor dem Abflug hätte bedacht werden müssen: die Zukunft.

 

Da Harm und Dörte Peters erst nach Beginn der Sommerferien reisen, ist die Landtagswahl in Nordrhein‑Westfalen schon Anfang Mai zu Resultaten gekommen, die meinem fliegenden Lehrerpaar bekannt sind, die aber ich nicht kenne und kaum schätzen kann; wie mir, während ich schreibe, die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden‑Württemberg (Mitte März) offen sind. Als Werte hinterm Komma kichern Prozente. Das demokratische Rosenkranzbeten. Das Wenn vor dem Aber. So foppt mich die Zukunft. Wie soll ich im November wissen, ob die Grünen im März über fünf Prozent kommen, im Mal unter drei Prozent bleiben werden? Schaffen sie in NRW mehr, fallen die dort schon immer schwachen Freidemokraten raus; am Ende könnte zugunsten der CDU die absolute Mehrheit der Mandate unterm Strich stehen.

 

Also müssen die Grünen ‑ bitte nicht bös sein ‑ mit schmalhansigen Argumenten unter drei Prozent gestreichelt werden, damit die Sonthofener Hoffnung auf die Vierte Partei nicht schon im Vorwahlkampf aufgeht. Doch angenommen: die Grünen bleiben bei zwei

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Prozent hängen, die F.D.P. hält sich bei fünfkommasechs und bildet in Düsseldorf abermals mit den Sozialdemokraten eine Koalition: wird Strauß dann nicht das Handtuch werfen, irgendwas wie »Man liebt mich nicht« murmeln und nach Alaska auswandern?

 

O Zukunft! was täten wir ohne ihn? Wer könnte seine Wortwörtlichkeiten ersetzen? Mit wem ließen sich fortan unsere Alpträume bebildern? Wie soll ich meine »Kopfgeburten« ohne ihn weitertreiben? Die Zukunft im Kaffeesatz. Was weiß ich. Was kann ich schon wissen. Ich nehme einfach an: NRW hält sich, Strauß tritt nicht ab, noch ist alles offen, und Harm und Dörte fliegen (und landen endlich) mit der Gewißheit, ihn, den hausgemachten Apokalyptiker, im Spätsommer, wenn sie heimkehren, putzmunter zu finden.

 

Warum Bombay? Natürlich könnten Harm und Dörte erste Station auch in Thailand machen; Charterflüge nutzen oft Umwege. Sogleich nach der Paßkontrolle könnte der Reiseleiter, Dr. Wenthien, die kleine Gruppe in Empfang nehmen und seinen Satz »Asien ist anders« zum ersten Mal wirken lassen. Da unser Lehrerpaar sich fleißig vorinformiert hat und die »Sisyphos‑Kontrastangebote« wahrnehmen will, möchte es nicht nur kunsthistorische Sehenswürdigkeiten (Tempel, Tempel!), Bangkoks pikaresken Diebsmarkt und ; eine Bootsfahrt auf den Khlon erleben, sondern auch Khlong Toel, den im Reiseprospekt angezeigten Slum in Hafennähe, besichtigen, was Dr. Wenthien, mit Hinweis auf ein »kleines Zugeld bei einheimischer

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Führung«, für möglich hält und des sozialen Wirklichkeitsgehaltes wegen für interessant erklärt: »Aber bitte festes Schuhzeug anziehen!«

 

Allerdings rät Wenthien davon ab, die im »Sisyphos«Angebot enthaltene Möglichkeit, in einem echten Slum inmitten einer normalen Slumgroßfamille zu übernachten, schon jetzt auszuleben: »Nicht wahr, wir sind ja kaum angekommen. Und das Klima macht Ihnen, wie ich sehe, selbst hier auf der schattigen Hotelterrasse zu schaffen.«

 

Natürlich könnten Harm und Dörte Peters in Bombay erste Station machen. Und erstmals hier zur Stelle, könnte ihnen Dr. Wenthien, der überall ortskundig ist, neben den im Prospekt angeführten Sehenswürdigkeiten (darunter der Tempel der Parsen‑Sekte) den gleichfalls von »Sisyphos« angebotenen, am Meer gelegenen Großslum »Cheetah‑Camp« empfehlen. Mit drei anderen Reisegruppenmitgliedern besichtigen sie (nach Zahlung des üblichen, wenn auch im Prospekt verschwiegenen Draufgeldes) bei dreiunddreißig Grad im Schatten zwei Stunden lang das weiträumige Elend, nachdem ihnen Dr. Wenthien während der Hinfahrt in einem »Sisyphos«‑Kleinbus die Geschichte des Slums, der vor wenigen Jahren noch »Janatha‑Colony« geheißen und in Nachbarschaft des indischen Atomforschungszentrums seinen Platz gehabt hatte, in allen Phasen erklärt hat: »Das ging natürlich nicht auf Dauer. Zum Sicherheitsrisiko erklärt, wurde das Slumgebiet kurzerhand von Bulldozern planiert. Ruckzuck wurde den siebzigtausend Slumbewohnern ein während der Monsunzeit oft überflutetes Areal, Cheetah-

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Camp, angewiesen. Leider in unmittelbarer Nachbarschaft zum Arsenalgelände der indischen Kriegsmarine, so daß sich abermals die Sicherheitsfrage stellt. Abfall, Ausschuß. Sie sehen, auch Indien hat seine Entsorgungsprobleme.«

 

Auf Dörtes, wie Harm hinterher fand, naive Frage, ob man denn auf dem freigewordenen Janatha‑Gelände inzwischen menschenwürdige Wohnungen gebaut habe, gibt Dr. Wenthien nahezu belustigt Bescheid: »Wo denken Sie hin! Heute befindet sich dort ein Freizeitpark der indischen Atomforschungsbehörde mit Swimming‑pool, Golfplatz und Kulturzentrum. Das ist nun mal so. Überall macht sich der Fortschritt breit. Auch hierzulande sind die Eliten nicht frei von An­sprüchen.«

 

Jedenfalls könnten die beiden in Khlong Toel oder Cheetah‑Camp, im einen, im anderen Slum ihren ersten Schock erleben oder den ersten in Bombay und den zweiten (samt gebührenpflichtiger Slumübernachtung) in Bangkok. Wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel ist Dr. Wenthien immer schon da, wo immer sie landen. Sobald die Gruppe nach dem Frühstück das Tagesprogramm mit seiner Hilfe festlegt, spricht er deutsch, als stamme er aus Hannover. Im Großslum Cheetah‑Camp übersetzt er ihre Fragen in Hindi und ist, sobald die zumeist kastenlosen, das heißt unberührbaren Slumbewohner antworten, einiger Dialekte und des südindischen Tamil mächtig. So erfahren Dörte und Harm, daß fast alle Kinder verwurmt sind und daß die Slumbewohner ihr Wasser in Kanistern kaufen müssen, da Cheetah‑Camp nicht an die städtische Wasserversorgung angeschlossen ist.

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Weil Dr. Wenthien auch die Sprache der Thai beherrscht, könnte er die beiden, nachdem sie sich akklimatisiert haben, bei einer Thaifamilie im Slum Khlong Toei als Eintagsgäste einquartieren. Es sind wahre Erlebnisse, die er vermittelt. Sowas vergißt man nicht: den stehenden Gestank der Sumpfkloake über dem aufgepfählten Bretterbudengewirr, die Fliegen, die Ratten, die Enge und die Gastfreundschaft der zwölfköpfig heiteren Familie, deren Nachbarn übrigens, bei Schmälerung ihrer Rationen, ein Baby fett und rund mästen, damit es bei einem Baby‑Schönheitswettbewerb, den eine führende Tageszeitung ausgeschrieben hat, preiswürdig wird. Harm darf das Baby mit seiner Superacht filmen. Nach der Zahl ihrer Kinder befragt, versuchen die beiden, ihren Gastgebern in einfachem Englisch und mit Gesten ihr Problem ‑ das Kind Ja, das Kind Nein ‑ zu erklären. Die Kinderreichen verstehen nichts, aber sie staunen.

 

Und Dörte führt schlaflos Tagebuch. Bei Taschenlampenlicht schreibt sie: »Am meisten schockt mich die Heiterkeit der Elenden. Immer haben sie was zu lachen. Dieser Wenthien ist widerlich, aber versteht sein Geschäft. Natürlich ist das zynisch, was wir machen. Aber unsere Pensionsgebühr ‑ lumpige zehn Demark pro Nase ‑ hilft der Familie einen halben Monat lang über die Runden. Eigentlich müßten alle unsere Konsumdemokraten mal ein zwei Nächte in einem Slum übernachten, um ihren verdammten Überfluß endlich satt zu kriegen ... «

 

Aber froh sind Harm und Dörte doch, als sie wieder ins klimatisierte Hotel, auf ein richtiges Klo, unter die

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Dusche, an den Kühlschrank mit den Drinks dürfen. Weil sie als einzige ihrer Gruppe das »Sisyphos«‑Übernachtungsangebot wahrgenommen haben, gratuliert ihnen Dr. Wenthien zu ihrem »wirklichkeitsfreudigen Mut«. Selbstverständlich war man kein Risiko eingegangen. Wenthien hatte die beiden mit keimfreiem Hotelwasser in Flaschen, mit immunisierenden Tabletten, mit Keksen und in Klarsichtfolie verpacktem Obst versorgt. (Vor einigen Jahren noch hat er mittelständische deutsche Herren so ausgerüstet in Bangkoks Bordellen abgeliefert.)

 

Bei dieser Gelegenheit ‑ kaum aus dem Slum zurück: der Griff in die Kühlbox ‑ sollte gezeigt werden, daß Harm die ausgeflogene, luftdicht eingeschweißte Leberwurst zwischen Exportbier deponiert hat. Und da wir unseren Film im Wahljahr drehen wollen, könnte Dr. Wenthien schon in Bombay oder nach der Slumübernachtung (oder erst zwischen balinesischen Sehenswürdigkeiten) auf seine maliziös verkniffene Art die beiden Holsteiner nach den Wahlchancen des Kanzlerkandidaten fragen: »Wie ich höre, sind Sie politisch aktiv. Wird nun die Bajuwarisierung Deutschlands erste Erfolge zeigen? Sie wissen ja, seit dem Dreißigjährigen Krieg sind einige Innerdeutsche Rechnungen noch immer nicht beglichen.«

 

Oder lassen wir Indien, Thailand, Java und Bali und drehen wir den Film, ganz ohne Dr. Wenthien, unter einheimischer Reiseleitung in der Volksrepublik China, falls wir dort drehen dürfen. Doch das gäbe, bei bleibendem Titel und mal bejahtem, mal verneintem Kind, dennoch einen ganz anderen Film.

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Keine Slums in Peking, Shanghai, Kwelin, Kanton. Erst Hongkong zeigt wieder, was der Westen sich leistet: den Gottgehwollteen, allsonntäglich gesegneten Unterschied. Himmellästernden Reichtum neben Armut, die sich in käfigartigen Slums verkriecht. Das marktbeherrschende Recht des Stärkeren. Die Hölle (und ihre Betreiber) auf Erden. Das gegenwärtige Welttheater: verlumpte Komparsen und eine adrette Polizei.

 

In der Volksrepublik China fehlt dieser Gegensatz, ohne daß alles gleich, gleichförmig ist. Urgroßvaters Devise »Arm, aber sauber!« könnte auf Spruchbändern vorherrschen, gäbe es nicht jene haushohen Schautafeln, auf denen die »Vier Modernisierungen« erschreckend fröhlich Zukunft bebildern: computergläubig, raketengeil, zuwachssüchtig. Sie haben den Großen Sprung, die Hundert Blumen, die Kulturrevolution samt Viererbande hinter sich, wurden zurückgeworfen, holten sich mühsam ein, versetzten Berge, hielten den Hunger klein, liquidierten sich, nahmen dennoch an Zahl zu, werden demnächst eine Milliarde zählen, ohne die Anbauflächen für Reis, Weizen, Hirse, Mais und Sojabohnen entsprechend vergrößern zu können. Sie zeigen sich jetzt dem Westen in ihrem Zustand und wollen ‑ das sagt jeder Chinese höflich zweideutig ‑ vom Westen lernen. Dabei könnten (sollten) wir lernen.

 

 

Aber der westliche Hochmut ist (außer an Geschäften) nur am schwankenden Maß der chinesischen Liberalisierung interessiert. Was wir für freiheitlich halten. »Stern«‑ und »Spiegel«‑Reporter zählen Mädchen in Röcken, Dauerwellenköpfe, Lippenstiftspuren und

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ähnliche Attribute westlicher Liberalität, fotografieren sie ab, vertexten sie und lassen ihre vorgefaßte Meinung zur falschen Information gerinnen. Wäre es nicht genauer und deshalb gerechter, das Chinesische Volk und seine Gesellschaftsordnung am Zustand jener Staaten der Dritten Welt zu messen, die sich dem westlichen Liberalismus in Gestalt seines Wirtschaftssystems ausgesetzt haben und deren traurige Rekorde Landflucht und Verslumung, Raubbau und Verkarstung, Unterernährung und Hunger, Luxus und Elend, staatliche Willkür und, alles überragend: Korruption heißen?

 

Sollte unser Lehrerpaar aus Itzehoe an der Stör (im Film wie in Wirklichkeit) China bereisen, müßte es vorher die indischen Großslums gerochen, den hungernden Nordosten Thailands gesehen, das Indonesische Korruptionswesen erahnt und überall dort die zerstörende Kraft und den leistungsfähigen Fluch des westlichen, von Japan gestärkten Wirtschaftssystems erkannt haben: die freien Marktzwänge, den Fortschritt um jeden Preis, die Schweizer Fluchtkonten, den Zuwachs an Elend.

 

Natürlich würden Dörte und Harm Peters, die auch in China nicht wüßten, ob sie ein Kind in die Welt setzen sollen, in Indien, Thailand und Indonesien allzu schnell ihr Vorwissen mit dem Wort Neo‑Kolonialismus bestätigen. „Da, da!“ ruft Harm. „Überall mischen sie mit: Siemens und Unilever...“  Zudem geben der indische Fatalismus, die Javanische Sanftmut und das unbekümmerte Lachen der Thai nach bloßem Augenschein Erklärungen ab, mit denen sich

 

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reisen läßt. „Mein Gott“, ruft Dörte, „wie man hier ohne unseren Sicherheitstick in den Tag hinein lebt!“ Doch die Regierungen aller drei Staaten sind souverän. Sie üben ihre Herrschaft weder fatalistisch noch mit Sanftmut aus und gewiß nicht unbekümmert in den Tag hinein, sondern mit Polizei‑ und Armeegewalt, mit Kastendünkel und Korruption, mit allen Machtinstrumenten, die einheimisch überliefert sind oder aus westlichen Arsenalen freihaus geschenkt wurden.

 

„Naja“, sagt Dörte Peters, „an unserem Demokratieverständnis dürfen wir die Zustände hier nicht messen.“

 

„Das ist doch klar“, sagt Harm Peters, „mit dem Hinduismus wäre auch Mao nicht fertig geworden.“ Ihn interessiert das Soziale: von jedermann will er den Stunden‑ oder Wochenlohn wissen; sie möchte schulische Fakten in ihrem Tagebuch sammeln. Beide sagen: „Bevor wir hier Meinungsfreiheit fordern, sollten wir lieber zu Hause ... “

 

Diese Ansichten vertreten auch andere Mitreisende. Und Dr. Wenthien, der allabendlich dazu neigt, bei einem Glas Orangensaft seinen Überblick preiszugeben, belehrt seine kleine und mittlerweile leicht irritierte Reisegruppe: „So traurig und in unserem westlichen Sinn hilfsbedürftig das alles anmutet, von hier aus wird sich die Zukunft unseres Planeten bestimmen. Von hier aus werden uns, den von Menschenrechten faselnden Plappermäulchen, die neuen Menschenrechte diktiert werden. Europas Hunger nach den Geheimnissen Asiens wird, ich bin sicher, für immer gestillt werden. Alle Dämonen und Geister ‑ Sie

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dürfen mir glauben, es gibt sie ‑ werden über uns kommen.“

 

Das sagt Wenthien, bevor sie ihren letzten Tag auf indischem Boden nach allgemeinem Wunsch außerhalb Bombays, nahbei einem Fischerdorf verbringen. Es soll erholsam werden und beginnt auch ländlich friedlich. Mit altmodischer, vieler Fotos würdiger Fähre werden sie auf die Fischerinsel Manor gebracht. Auf Ochsenkarren verladen, fotografieren sie über den Rücken der schöngehörnten Zugtiere hinweg den Weg zu ihrem einfachen, aber sauberen Hüttenhotel.

 

„Endlich mal kein Aircondition!“ ruft Dörte.

 

„Endlich das Meer!“ ruft Harm.

 

Und Palmen, die man himmelwärts fotografieren kann. Und ein weiter Sandstrand, auf dem eine angeschwemmte Schildkröte zum Foto wird. Und einheimische Frauen, die junge Kokosnüsse und Tee servieren. Ihr Tuchgewand haben sie zwischen den Beinen geknotet; doch zögert Harm, das betonte Gehen zu fotografieren. Auf dem Weg den Strand entlang zum Fischerdorf – „Aber bitte bekleidet!“  mahnt Dr. Wenthien ‑ will Dörte plötzlich, weil die Natur, die Palmen, das Meer, die tote Schildkröte, die seltsam geknoteten Frauen ihr zureden – „Das macht mich hier alles irgendwie an!“ ‑nun doch das Kind: „Unser Kind, hörst du? Man muß es wollen und sich nicht bloß ausdenken. Mit dem Bauch, nicht nur mit dem Kopf wollen. Kreatürlich sein, hörst du?“

 

Aber Harm, der zugibt, daß auch ihn das alles – „na, der ganze Zauber hier!“ ‑ ziemlich anmache, will sei

 

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nen Kopf nicht auf Urlaub schicken. „Angenommen“, sagt er, „wir kriegen das Kind. Und angenommen, es kommt gesund auf die Welt. Und angenommen, es wächst sogar ohne die üblichen Frühschäden auf. Und angenommen, wir kümmern uns wirklich, soweit wir uns beruflich freistellen können, um unser Wunschkind: Es geht trotzdem schief. Ich sage dir, die Umwelt, unser Schulsystem, der Fernsehzwang, alles, überhaupt alles wird unser Kind verbiegen, wird es normen. Wie wir inzwischen verbogen, genormt sind. Und dann die neuen Technologien! Stell dir vor, unser Kind wird an den Schulcomputer angeschlossen. Nicht alleine natürlich, die ganze Klasse, alle Schulpflichtigen werden, na, sagen wir, ab Ende der achtziger Jahre nicht mehr altmodisch, durch viel zu teure und nur schwer zu kontrollierende Humanlehrkräfte, sondern durch staatlich programmierte Lehrcomputer unterrichtet: direkt in die Hirnzellen der lieben Kleinen: Tickeditack! Schluß mit dem blöden Büffeln. Kleines und großes Einmaleins? Sitzt in einer halben Stunde. Tickeditack! Die Englischen unregelmäßigen Verben? Ein Zehnminutenprogramm. Tickeditack! Vokabelhefte führen? Daß ich nicht lache. Alles besorgen die handlichen Kinderschlafzimmercomputer. Im Schlaf lernen, das ist die Zukunft! Und die Kleinen mit ihren Daten, Zahlen, Formeln, Verben speichernden Hirnen werden alles und nichts wissen. Und wir, Mutter Dörte, Vater Harm, werden blöd dastehen, mit nichts als überflüssigen Erinnerungen, Halbkenntnissen und moralischen Bedenken im Kopf. Und solch ein Kind, frag ich dich, willst du verantworten?“

 

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Da sind sie schön, von Harms Rede getrieben, mitten im Dorf, wenn das Dorf eine Mitte hat. Bruchbuden, Lehmhütten. Was die Netze bringen, fingerlange Fischlein und kleineres Zeug, trocknet auf harten Böden, an zu Wänden aufgestocktem Gestänge. Den Fischern gehören weder die Boote noch die Netze noch das Fischzeug noch die Mühle, in der das Fischzeug zu Fischmehl gemahlen wird. Fünftausend Menschen soll das Dorf zählen, darunter dreitausend Kinder. Verwürmte, offensichtlich kranke, von Augenschäden gezeichnete Kinder. Sie betteln nicht, lachen, spielen nicht, sind nur still und überzählig.

 

Dörte, die vorhin noch, angemacht von soviel Natur, ein Kind, ganz kreatürlich ein Kind wollte, sagt auf dem Rückweg: „Die Kinder im Slum waren lustiger.“

Abends, auf der Terrasse des bescheidenen Hüttenhotels, hält Dr. Wenthien seiner Reisegruppe einen kleinen Vortrag über das indische Fischereiwesen: „Nichts bringt das. Dabei ist der Indische Ozean, bis auf die leergefischten Küstengewässer, überaus fischreich und könnte, wenn man die Hochseefischerei entwickeln wollte, den chronischen Proteinmangel der überwiegend vegetarisch lebenden Bevölkerung beheben: längs der Küste, und wenn man Tiefkühlketten einrichten würde, bis ins Land hinein. Aber die Inder, nun ja. Die können sich nur vermehren. 57 000 Babys pro Tag. Jeden Monat zählen wir eine Million Inder mehr. Hier müßten mal die Chinesen ihre Ordnung entfalten.“

 

Als Dörte nachts unter dem Moskitonetz noch einmal auf das Kind zurückkommt und Wenthiens bei-

 

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spielhafte Chinesen zitiert: „Die Einkindehe wird sogar in der Volksrepublik gefördert“, schreit Harm: „Nein! Nein! Sollen sie doch aussterben, die Deutschen, von mir aus.“

 

Wäre das denn so schlimm? Sind nicht viele große Kulturvölker nur noch in Museen bestaunenswert? Die Hethiter, Sumerer, die Azteken? Ist keine Welt vorstellbar, in der tausendjahre später die Kinder einer neu sich heranbildenden Völkerschaft vor Glaskästen stehen und staunen: über die Wohnkultur und über die Eßgewohnheiten der Deutschen? Über ihren unbeirrbaren Fleiß? Über ihren Hang, alles, sogar ihre Träume zu ordnen? Und könnte nicht die deutsche Sprache, wie heute das Latein der Römer, zur töten, aber doch zitierbaren Sprache werden? Könnten nicht Politiker, die gegenwärtig ihre ausufernden Reden mit lateinischer Sprachweisheit zieren, in gut tausend Jahren ihren Redefluß mit Hölderlin‑Zitaten – „So kam ich unter die Deutschen ... „ ‑ interessant machen: „. . . ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre? Und kann es nicht sein, daß erst nach dem Aussterben der Deutschen, ja, dank ihres Unterganges, die deutsche Kultur (und in ihr die Literatur) als ein vielfältiges Ganzes sichtbar und deshalb kostbar gehalten wird?“ „Nein“, könnte es rückwirkend heißen, „sie wären keine nur kriegerischen, nur dumpf Erwerb suchenden, nur funktionierenden Barbaren ... „

 

Ich schreibe ins Blaue. Wo immer wir Station machten, schrieb ich gutgläubig auf meine Einreisekarte in die

 

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Rubrik Beruf: Schriftsteller. Ein Beruf mit Herkommen, wenn am Anfang das Wort gewesen sein soll. Ei schöner, gefährlicher, anmaßender, ein zweifelhafte Beruf, der sich leicht vergleichende Umschreibungen einhandelt. Irgendein DDR‑Bonze, ein chinesische Rotgardist, dazumal Goebbels hätten sagen können was Franzjosef Strauß auf deutsch, nicht etwa sei Latein bemühend, vor einem Jahr gesagt hat. „Ratte und Schmeißfliegen“ hat er die Schriftsteller genannt. (Später stritt man darüber, ob er und seine Nachredner nur einige und nicht alle gemeint hätten.)

 

Auch wenn in China sein Name nicht fiel, war doch sobald es um einen bestimmten, sich weltweit angleichenden Sprachgebrauch ging, von ihm die Rede. Die chinesischen Schriftsteller kennen jene erbärmliche Macht, die ihre Feinde mit Nagern und Insekten vergleicht und das Mittel zur Ausrottung bereithält. Sie sprachen eher zurückhaltend, als müßten sie eigene Schande berichten, von ihren Leiden während de schlimmen Jahre: Kerkerhaft, Stockschläge, Schreib verbot, öffentliche Zurschaustellung, Latrinendienst. Das sei nun vorbei, werde aber nachwirken. Weshalb man die neue, noch an Form arme, sich unsicher meldende Literatur die ‚Wundenliteratur‘ nenne.

 

Sie fragten nach den ostdeutschen Kollegen. (Ein älterer Herr der Pekinger Runde hatte vor Jahren au einem Kongreß mit Anna Seghers gesprochen.) Ich erzählte, wie wir uns regelmäßig ‑ vier fünf Westberliner Autoren, sieben acht Ostberliner Autoren ‑ von 1973 bis 77 in wechselnden Ostberliner Wohnungen getroffen, uns aus Manuskripten vorgelesen, unsere

 

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geteilte Lage und doch immer noch gemeinsame Sprache beklagt und gefeiert haben. Ich sagte: „Etwa alle drei Monate. Ja, bei Bier und Kartoffelsalat. Die Frau des Gastgebers zog, als zöge sie ein Los, Zettel aus einer Mütze, auf denen die Namen der Vorlesenden standen. Natürlich sind wir bespitzelt worden. Das ging, solange es ging. Dann begannen die Ausbürgerungen. Mit Biermann fing es an.“

 

Ich nannte die Namen und Buchtitel jener Schriftsteller, die nun im Westen leben und doch wie zwischen den Staaten: dem einen, dem anderen Deutschland Stachel im Fleisch. Und in Shanghai, wo ich abermals zwischen Kollegen saß, war auch ihnen jedes Detail wichtig: die Grenzkontrollen, die Winkelzüge der Zensur, den west‑östlichen Sprachgebrauch im Umgang mit Schriftstellern. Was alles uns betrifft, die unruhig seßhaften Nestbeschmutzer.

 

Das war nicht fremd oder zu weit weg. Die chinesischen Schriftsteller kennen die ideologische Blendung, die Ende des Dogmas. Wie verächtlich sich Mächtige aussprechen, ist ihrem Gedächtnis eingeschrieben. Nur die Wörter „Ratten und Schmeißfliegen“, nicht deren vernichtungsträchtiger Sinn, müßten ihnen übersetzt werden. Sie sagten: „Sogar unsere Klassiker traf es. Jetzt müssen wir sie den Jungen, die wenig wissen, wie Neuentdecktes bekannt machen.“

 

Unser Gespräch lief, während wir in feierlicher, anfangs zeremonieller Runde saßen. Es ging nicht ohne Tischreden ab. (Gerne hätte ich Gedichte von Kunert und Born gelesen.) Wir aßen mit Stäbchen süßsaure Seegurken, Pekingente und gelierte hundertjährige

 

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Eier. Wir tranken sechzigprozentigen Hirseschnaps. Worauf tranken wir? Da häufig nachgegossen wurde, tranken wir auf die Widersprüche, auf die immer anders bestrittene Wahrheit, natürlich auch (was immer das sein sollte) auf das Wohl des Volkes, auf das weiße, nach Wörtern schreiende, noch unbefleckte, zu befleckende Papier. Und wir tranken auf uns, die Ratten und Schmeißfliegen.

 

Auf meinen Zetteln für die ‚Kopfgeburten‘ steht zwischen Notizen die eingeklammerte Notiz: (Bevor das Lehrerpaar abreist oder nachdem es Ende August nach Itzehoe zurückkommt, sagt Dörte Peters: „Noch nicht, Harm. Wir müssen den Wahlausgang abwarten. Unter Strauß setz ich kein Kind in die Welt.“) ‑ Einfach lächerlich. Dieser Vorwand soll ihr genommen werden.

 

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