Ost-West

 

Da sie politisch, ideologisch, wirtschaftlich und militärisch mehr gegen‑ als nebeneinander leben, gelingt es ihnen wieder einmal nicht, sich ohne Krampf als Nation zu begreifen: als zwei Staaten einer Nation. Weil sich die beiden Staaten einzig materialistisch hier ausleben, dort definieren, ist ihnen die andere Möglichkeit, Kulturnation zu sein, versperrt. Außer Kapitalismus und Kommunismus fällt ihnen nichts ein. Nur ihre Preise wollen sie vergleichen.

 

Geboren wurde er in Hademarschen, wo immer noch seine Mutter lebt, sie in der Kremper Marsch, wo ihre Eltern, nach Verkauf des Hofes, ihren Altentell in Krempe bezogen haben. Beide sind anhaltend sich selbst reflektierende Veteranen des Studentenprotestes. In Kiel haben sie sich kennengelernt: bei einem Sit‑in gegen den Vietnamkrieg oder gegen den Springer‑Konzern oder gegen beides. Ich sage vorläufig Kiel. Es hätte auch Hamburg, womöglich Berlin sein können. Vor zehn Jahren wollten sie mit vielen Wörtern »kaputtmachen, was uns kaputtmacht«. Gewalt erlaubten sie sich allenfalls gegen Sachen. Ihre Kulturrevolution ging schneller zu Ende. Deshalb haben sie ihr pädagogisches Studium mit kaum nennenswerter Verzögerung abschließen und nach nur kurzem Hinundher ‑ Partnerwechsel in Wohngemeinschaften ‑ heiraten können: zwar ohne Kirche, doch mit Familie.

 

 Ich sagte: “Unsere Nachbarn in Ost und West werden eine Ballung wirtschaftlicher und militärischer Macht in der Mitte Europas nie wieder dulden nach der Erfahrung zweier Weltkriege, die dort gezündet wurden. Doch könnte die Existenz der beiden deutschen Staaten unter dem Dach eines gemeinsamen Kulturbegriffes unseren Nachbarn verständlich und dem Nationalverständnis der Deutschen angemessen sein.”

 

Wer heimkehrt, findet sich vor. als wir aus Asien heimkehrten, standen neben dem chinesischen Staatsbesuch und der Angst vor dem Aussterben der Deutschen, neben Bahros Umzug von Ost nach West und der allabendlichen Fernsehteilnahme am Völkermord in Kambodscha auch die Nachwehen der Frankfurter Buchmesse auf der Tagesordnung. Während dreißig Jahren, solange der eine deutsche Staat neben dem anderen besteht, war es immer wieder zwingend gewesen, die NS-Vergangenheit etwa des Adenauer-Staatssekretärs Globke, des Bundeskanzlers Kiesinger, des Ministerpräsidenten Filbinger, des derzeitigen Bundespräsidenten Carstens aus Akten zu ziehen, die sich (wie selbsttätig) verlegt hatten; nun war in der Wochenzeitung “Die Zeit” unter der Überschrift “Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt”ein Aufsatz erschienen, der den Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur bis in die Nazizeit vordatierte und das Jahr 1945 als Stunde Null bestritt.

 

Nur einige mit Ferngläsern und Hunden bewaffnete Wachmänner der noch immer zukünftigen Baustelle

des Atomkraftwerkes Brokdorf mögen die beiden im Auge haben. Dann noch zwei Düsenjäger im Tiefflug.

(»Scheiß‑Nato!« stöhnt Dörte.) Weitab bei Flut der Schiffsverkehr auf der Elbe. Sommerwolken.

 

Sollte unser Lehrerpaar aus Itzehoe an der Stör (im Film wie in Wirklichkeit) China bereisen, müßte es vorher die indischen Großslums gerochen, den hungernden Nordosten Thailands gesehen, das Indonesische Korruptionswesen erahnt und überall dort die zerstörende Kraft und den leistungsfähigen Fluch des westlichen, von Japan gestärkten Wirtschaftssystems erkannt haben: die freien Marktzwänge, den Fortschritt um jeden Preis, die Schweizer Fluchtkonten, den Zuwachs an Elend.

 

Ich nannte die Namen und Buchtitel jener Schriftsteller, die nun im Westen leben und doch wie zwischen den Staaten: dem einen, dem anderen Deutschland Stachel im Fleisch. Und in Shanghai, wo ich abermals zwischen Kollegen saß, war auch ihnen jedes Detail wichtig: die Grenzkontrollen, die Winkelzüge der Zensur, den west‑östlichen Sprachgebrauch im Umgang mit Schriftstellern. Was alles uns betrifft, die unruhig seßhaften Nestbeschmutzer.