Die Deutschen sterben aus. Ein Raum ohne
Volk. Kann man sich das
vorstellen? Darf man sich das vorstellen? Wie sähe die Welt
aus, gäbe es keine Deutschen mehr? Was finge die Welt mit sich an ohne die
Deutschen? Müßte sie fortan am chinesischen Wesen genesen? Ginge den Völkern
ohne die deutsche Zutat das Salz aus? Hätte die Welt ohne uns noch irgendeinen
Sinn oder Geschmack? Müßte die Welt sich nicht neue Deutsche erfinden,
inbegriffen Sachsen und Schwaben? Und wären die ausgestorbenen Deutschen im
Rückblick faßlicher, weil nun in Vitrinen zur Ansicht gebracht: endlich von
keiner Unruhe mehr bewegt?
Und weiter gefragt:
gehört nicht Größe dazu, sich aus der Geschichte zu nehmen, dem Zuwachs zu
entraten und nur noch Lehrstoff für jüngere Völker zu sein?
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Da diese Spekulation langlebig zu sein
verspricht, ist sie mir Thema geworden.
Ich weiß noch nicht: wird es ein Buch. oder Film? “Kopfgeburten” könnte der Film oder das Buch oder beides
heißen und sich auf den Gott Zeus berufen, aus dessen Kopf die Göttin Athene
geboren wurde; ein Widersinn, der männliche Köpfe heutzutage noch schwängert.
Im Reisegepäck hatte ich ein anderes Thema.
Auf vierzehn Seiten Manuskript ausgebreitet, lag es obendrein in englischer
Fassung bereit: »Die beiden deutschen Literaturen« ‑ oder wie der
Untertitel hätte heißen können: »Deutschland ‑ ein literarischer
Begriff«. Denn meine These, die ich in Peking, Shanghai und anderenorts
vortragen wollte, sagt: Als etwas Gesamtdeutsches läßt sich in beiden deutschen
Staaten nur noch die Literatur nachweisen; sie hält sich nicht an die Grenze,
so hemmend besonders ihr die Grenze gezogen wurde.
Sie nimmt sie regelmäßig. Übrigens immer zu Beginn der ersten
Unterrichtsstunde. Eine Schrulle oder schrullige Demonstration ihres
rationalisierten Verzichtes. Und so könnten die »Kopfgeburten« als Film anfangen: Totale der Landkarte
des indischen Subkontinents. Sie, in Brusthöhe angeschnitten, verdeckt halb den
Golf von Bengalen, ganz Kalkutta und Bangladesh, nimmt wie beiläufig die Pille,
klappt ein Buch zu (trägt keine Brille) und sagt: »Wir können davon aus
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gehen, daß im Bundesstaat Indien die
Geburtenkontrolle, im Sinne der angestrebten Familienplanung, gescheitert ist.«
Jetzt könnte sie die
Bevölkerungszahlen und Überschüsse der Bundesstaaten Bihar, Kerala, Uttar Pradesh
abfragen, ohne daß die Klasse ins Bild
kommt: die in Zahlen geleierte indische Misere. Der Schulstoff Elend. Die
Zukunft.
Deshalb sagte ich zu Volker Schlöndorff, den wir
mit Margarethe von Trotta in Djakarta und danach in Kairo trafen: »Wir sollten,
wenn wir den Film machen, in Indien drehen oder auf Java oder ‑ nachdem ich jetzt
dagewesen bin ‑ in China, falls wir da Dreherlaubnis bekommen.«
Denn unser Lehrerehepaar
soll eine Reise machen, wie Ute und ich, Volker und Margarethe unsere Reisen machen.
Und wie wir sollen es fremd
dazwischenstehen und schwitzend die Wirklichkeit mit der Statistik vergleichen.
Der Luftsprung von Itzehoe nach Bombay. Die Zeitverschiebung. Das Angelesene im
Handgepäck. Ihr Vorwissen. Ihre Schutzimpfungen. Der neue Hochmut: Wir kommen,
um zu lernen...
Kein Wort über die Leiter der Goethe‑Institute
und ihre privaten Verstörungen. Von unserem angestellten Reiseleiter, der für
den Film, den wir drehen wollen, Hinduistik studiert hat, läßt sich sagen: er
könnte ein vergreistes Babygesicht zeigen. Sein wäßriger Blick beweist
Übersicht. Eine Art lieber Gott mit Nickelbrille. Zu allem hat er zwei Meinungen.
Wie wir. Einerseits
ist der Bau von Atomkraftwerken ein nicht einzuschätzendes Risiko; andererseits
können nur die neuen Technologien den uns gewohnten Wohlstand sichern.
Einerseits gibt die manuelle Boden
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bearbeitung achthundert Millionen chinesischer
Bauern Arbeit und Nahrung; andererseits kann nur eine technisierte
Landwirtschaft die Hektarerträge steigern, wodurch einer‑ wie
andererseits über die Hälfte der Bauern arbeitslos oder für andere Aufgaben ‑
man weiß noch nicht, welche ‑ freigestellt werden würde. Einerseits
sollte man die Slums in Bangkok, Bombay, Manila und Kairo sanieren;
andererseits locken sanierte Slums immer mehr Landflüchtige in die Städte.
Einerseits andererseits.
Von unserem angestellten Reiseleiter, der für den
Film, den wir drehen wollen, Hinduistik studiert hat, läßt sich sagen: er
könnte ein vergreistes Babygesicht zeigen. Sein wäßriger Blick beweist
Übersicht. Eine Art lieber Gott mit Nickelbrille. Zu allem hat er zwei
Meinungen.
Als die Studienrätin Dörte Peters
ihrer 10 a während der Geografiestunde die Familienplanung von der
Verhütungsaufklärung bis zur freiwilligen Sterilisierung als Programm gegen die
Überbevölkerung diktiert, springt eine
Schülerin (blond wie Dörte Peters) auf und wird schön durch Protest: “Und was
ist bei uns? Kein Zuwachs mehr. Immer weniger Deutsche. Warum haben sie
eigentlich keine Kinder? Warum nicht! In Indien, Mexiko, China nehmen sie zu
wie verrückt. Und wir hier, die Deutschen sterben aus!”
Schlöndorff und ich wissen noch nicht, wie sich die Klasse
zu dieser Anklage verhält. Ist dieser Ausbruch auf das Elternhaus der Schülerin
zurückzuführen? Sollte nicht besser ein Schüler, mit Seitenhieb auf die
Gastarbeiter, wie enthemmt sein: “In Itzehoe werden
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fast nur noch Türkenbabys abgenabelt!”?
Oder sollten Schülerin und Schüler nacheinander ihre Anwürfe steigern?
Auf unsere Asienreise nahm ich, außer dem Vortrag
über “Die deutschen Literaturen” und
meinem Roman
“Der Butt”, drei Blatt Stichwörter zum Thema “Kopfgeburten”
mit. Aus dem Butt habe ich auf allen Stationen
der Reise einfache Kapitel vorgelesen: Wie
Amanda
Woyke in Preußen die Kartoffel einführt.
Ein Märchen
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aus dem achtzehnten Jahrhundert, das in
Asien von heute ist: etwa in Regionen, in denen der ausschließliche Reisanbau
durch unbekannte Aussaaten (Mais, Sojabohnen) ergänzt werden soll, was am beharrlichen
Nein der Bauern scheitert, bis eine chinesische oder javanische Amanda Woyke ...
Die Notizzettel für die
Kopfgeburten habe ich nur beim Hinflug gelesen und mit
Zusätzen gespickt. Erst jetzt, zurück und schon wieder den deutschen
Verengungen eingefügt, fallen die Zettel
aus der Mappe: Unser Lehrerpaar aus Itzehoe, Dörte und Harm
Peters, hat meine Ausflüchte und Gegenvorhaben überlebt. Es bereitet
sich immer noch auf die Reise vor.
In einer anderen Szene hält das
S P D ‑Mitglied
Harm
Peters einen Vortrag.
Hier müßte der Film aufs Stichwort
reagieren: Dörte hat im Vorjahr, als sie (wie
immer noch) einerseits ein Kind haben wollte, doch andererseits nicht bereit
war, ein Kind, »mein Kind in diese zunehmend von Kernenergie verseuchte Welt zu
setzen«, im zweiten Monat abtreiben lassen. Auch Harm war für die Abtreibung:
»Erst wenn du innerlich voll zu dem Kind stehen kannst und wenn wir die
Landtagswahlen hinter uns haben, erst dann ... «
So etwa lauten
Regieanweisungen: beide lachen. Aber weil die Kamera draufhält, lachen sie nicht
nur.
Das geht zu
schnell. Bevor ich die beiden abfliegen lasse, will ich noch ein Weilchen
unsicher sein. Es fehlt am Programm. Es gibt so viele,
zu viele Reiseprospekte.
Noch weiß ich nicht, wie meine Bedenken und Ausflüchte in einem Film,
der alles eindeutig macht, sichtbar werden könnten. Auch wenn die beiden
unterschrieben, gebucht und sich für meine Reiseroute entschieden haben, bleibe
ich unschlüssig. Ich muß mit Schlöndorff sprechen. Nur Verstörungen und Ortswechsel,
welche Handlung sonst hätten Harm und Dörte zu bieten? Außer dem Kind Ja, dem
Kind Nein spielt sich zwischen den beiden nichts Aufregendes ab. Allenfalls
könnte Harms Wunsch, auf Ball einen Schulfreund namens Uwejensen besuchen zu
wollen, Handlung einleiten.
Ich gebe zu, daß die Idee
mit der Leberwurst
(als möglicher Nebenhandlungsträger) biografischer Natur ist.. Kurz
vor unserem Abflug ließ uns der Botschafter der
Bundesrepublik in Peking wissen, daß ihm nach hausgemachter grober Leberwurst
zumute sei. Also ließen wir bei unserem Dorfmetzger in Wewelsfleth, dem
Jungmeister Köller, zwei angeräucherte, darmpralle
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Würste in Folie einschweißen, verstauten die
holsteinischen Produkte im Handgepäck und flogen sie in die Volksrepublik China
ein.
Schon merke ich,
daß für den Film zu schreiben verführerisch ist. Es liegt soviel Material rum.
Einstellungen ergeben sich aus Einstellungen. Alles verkürzt sich auf »action«.
Immer das Bild sprechen lassen. Immer den Schneidetisch mitdenken. Bildsprache.
Hand
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Handlungsverschnitt.
Dabei wollte ich doch ganz anderem Gefälle, unserem ersten Gedanken nachgehen,
der Ute und mich inmitten Shanghai als Epiphanie überfiel, indem er
neunhundertfünfzig Millionen Chinesen zu demnächst einer Milliarde Deutsche
mißraten ließ, die nun, weil noch immer geteilt, nach ihrem nationalen
Selbstverständnis suchen: nicht etwa auf Fahrrädern, sondern alle motorisiert.
Weil aber dem Entschluß,
die beiden endlich landen zu lassen, noch immer Bedenken querliegen, die auf
Details bestehen und in erster Fassung sprachlos waren, sei hier in dritter
Fassung erwogen, die grobe Leberwurst nicht bei
irgendeinem Metzger der knapp vierunddreißigtausend Einwohner zählenden Stadt
Itzehoe zu kaufen, sondern bei Feinkost‑Kruse in der Kirchstraße, Sankt
Laurentius gegenüber; von dort ist es nur wenige Schritte zur Buchhandlung
Gerbers, in der Harm seine Krimis, Dörte Einschlägiges über »Sanfte Energie«
kauft.
Abermals Einspruch: noch immer kreisen sie über Bombay ohne
Landeerlaubnis, weil ich einzurücken vergaß, was auf meinen Notizzetteln steht
und vor dem Abflug hätte bedacht werden müssen: die Zukunft.
Und da wir unseren Film
im Wahljahr
drehen wollen, könnte Dr. Wenthien schon in Bombay oder nach der
Slumübernachtung (oder erst zwischen balinesischen Sehenswürdigkeiten) auf
seine maliziös verkniffene Art die beiden Holsteiner nach den Wahlchancen des
Kanzlerkandidaten fragen: »Wie ich höre, sind Sie politisch aktiv. Wird nun die
Bajuwarisierung Deutschlands erste Erfolge zeigen? Sie wissen ja, seit dem
Dreißigjährigen Krieg sind einige Innerdeutsche Rechnungen noch immer nicht
beglichen.«
Oder lassen wir Indien, Thailand, Java und Bali und drehen wir den Film, ganz
ohne Dr. Wenthien, unter einheimischer Reiseleitung in der Volksrepublik China,
falls wir dort drehen dürfen. Doch das gäbe, bei bleibendem Titel und mal
bejahtem, mal verneintem Kind, dennoch einen ganz anderen Film.
Auf meinen Zetteln
für die ‚Kopfgeburten‘ steht zwischen Notizen die eingeklammerte Notiz: (Bevor das
Lehrerpaar abreist oder nachdem es Ende August nach Itzehoe
zurückkommt, sagt Dörte Peters: „Noch nicht, Harm. Wir müssen den
Wahlausgang abwarten. Unter Strauß setz ich kein Kind in die
Welt.“) ‑ Einfach lächerlich. Dieser Vorwand soll ihr genommen werden.